Indonesiens letzte Waldmenschen

Die Deutsche Ulrike von Mengden kämpft seit über 30 für das Überleben der Orang Utans. Deren Lebensraum wird durch rücksichtlose Waldrodung und gezielte Jagd auf unsere nächsten tierischen Verwandten immer mehr bedrängt. Längst sind die "Waldmenschen" - so die wörtliche Bedeutung von "orang utan" auf indonesisch - vom Aussterben bedroht.

Text und Fotos von Michael Mannheimer

Ulrike von Mengden, Jakarta 1999

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Jakarta, August 1999

„Sie können ruhig „Alter Affe“ zu mir sagen. Für mich ist das eine Ehre“, mit diesen Worten und einem Lächeln auf ihren Lippen betritt Ulrike von Mengden ihre Terrasse in der Abteilung für Menschenaffen des Zoos Ragunan, Jakarta. Auf ihren Armen trägt sie Bella, ein 2 ½ jähriges Orang Utan Baby, das sich fest und hilfesuchend an seine Ersatzmutter klammert. „Fragen Sie mich ruhig, was Sie wollen. Nur fragen Sie mich nicht nach meinem Alter“, meint Mengden scherzend, während sie auf der Terrasse Platz nimmt. Sie greift zu einem Glas, füllt es mit frischem Orangensaft und gibt es dem Baby zu trinken. „Bella gefällt mir gar nicht. Seit einigen Tagen ist sie völlig apathisch und verläßt ihren Käfig überhaupt nicht mehr.“

Bella ist einer von derzeit 32 Orang Utans, die sich in der Obhut Mengdens befinden. „Auch eines der Opfer“, bemerkt sie lakonisch, während sie Bella den Orangensaft schluckweise verabreicht. Was sie mit dem Wort „Opfer“ meint, muß in Indonesien niemandem erklärt werden.

Denn immer wieder wird Indonesien, dieses riesige Land  mit seinen über 13.000 Inseln, von verheerenden Feuersbrünsten heimgesucht. Gigantische Waldbrände auf Borneo und Sumatra bedrohen die einzigen Überlebensräume der Orang Utans. Nichts hat sich geändert seit der letzten großen  Brandkatastrophe im Herbst 1997.

Die Erinnerung daran ist noch frisch, der Rauch und der Gestank brennender Wälder hat sich kaum verzogen seit den Monaten August bis Dezember 1997. Damals verdunkelte das verheerendste Feuer seit Menschengedenken weite Gebiete Indonesiens. Die Rauchwolken zogen bis nach Malaysia, den Philippinen und nach Südthailand. Schulen mußten geschlossen werden, Hunderttausende klagten wegen akuter Atembeschwerden, die Krankenhäuser waren von Asthmaopfern überfüllt. Ganze Urwälder standen in Flammen, Millionen Tiere erstickten im Rauch oder verbrannten bei lebendigen Leib. Die indonesische Regierung, völlig überrascht vom Ausmaß der Katastrophe und unter massivem  Druck internationaler Kritik stehend, entschuldigte sich gar bei den Nachbarländern - ein höchst ungewöhnlicher Vorgang in innerstaatlichen Gepflogenheiten. Getan jedoch hatte sie wenig. Zwar wurde Dutzenden von Holz- und Plantagenbesitzern die Lizenzen entzogen, ein gerichtliches Nachspiel jedoch gab es in keinem der Fälle.

„Ein Viertel des Kutai-Nationalparks auf Borneo wurde damals völlig zerstört. (Entspricht etwa der Fläche vom Saarland - Anm. d. Autors). Für die Menschen, die dort leben, ist das eine reine Katastrophe. Sie haben alles verloren, wofür sie meist ein ganzes Leben gearbeitet haben. Aber sie konnten sich wenigstens in Sicherheit bringen. Doch wo ist der sichere Hafen für meine Tiere, für meine Orangs...?“, so Mengden nachdenklich zur Situation der ihr anvertrauten Menschenaffen. Bella verlor damals ihre Eltern in den Feuern, hatte jedoch das Glück, dass sie in die richtigen Hände geriet und nach Jakarta in die Obhut von Mengdens gebracht wurde.

Naturschutzgebiete auf Kalimantan

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Als reine Baumbewohner leben die Orang Utans von Früchten und Blättern und sind wegen ihrer Friedfertigkeit bekannt. Diese den Menschen - was Intelligenz und soziales Verhalten anbelangt - besonders nahestehende Spezies lebt überwiegend in den tiefen und unzugänglichen Wäldern Borneos und Sumatras - und nur dort, was sie für Indonesien ebenso unverwechselbar macht wie die Känguruhs für Australien oder die Panda-Bären für China. Bislang konnten sie relativ ungestört in ihren angestammten Gebieten leben. Doch der gnadenlose Raubbau an der Natur, das rücksichtslose und immer tiefere Eindringen der Bulldozer im Dienste international tätiger Holz- und Plantagenbesitzer haben die Lebensräume der Tiere mehr und mehr zurückgedrängt. Die sich in letzter Zeit häufenden Dürreperioden sowie ausgedehnte, zumeist absichtlich erzeugte Waldbrände haben mittlerweile zu einer regelrechten Hungersnot unter den Menschenaffen mit der langen roten Mähne geführt.

Experten schätzen, daß es heute nur noch um wenige Tausend Orang Utans in Indonesein gibt, eine Zahl, die für die gesunde Reproduktion einer Spezies bereits alarmierend niedrig ist.

Während Mengden sich mit Bella beschäftigt, deutet sie auf ein Plakat, das an einer Wand der Terrasse hängt. Es zeigt das markante Gesicht eines Menschenaffen, dessen stechender Blick  den Betrachter zu durchbohren scheint. „Ich bin kein Affe. Ich bin Dein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater“,  ist als Bildunterschrift zu lesen. Das Plakat wurde vom Kölner Zoo im Jahre 1996  herausgegeben zum Thema „Vier Millionen Jahre Mensch“, und dieses Exemplar befindet sich nun in der Abteilung für Menschenaffen oder „anthropogene Primaten“, wie der wissenschaftliche Begriff dafür lautet. „Ich habe das Plakat aufgehängt“, meint Mengden, „damit jeder Besucher sehen kann, woher wir abstammen. Allzu leicht gerät das in Vergessenheit. Schauen Sie sich beispielsweise Bella an: sehen Sie da einen großen Unterschied zu einem Menschenkind...?“

Die Terrasse, auf der sich Mengden um die kleine Bella kümmert, ist Teil eines Hauses, welches ihr als Wohn- und Arbeitsstätte zugleich dient. Seit 1968, seit mittlerweile über 30 Jahren, kümmert sich hier die deutschstämmige Affenforscherin um das Wohl der Orang Utans, der „Waldmenschen“, wie die Menschenaffen wörtlich übersetzt im Indonesischen heißen. Und den Großteil ihrer Zeit lebte und wohnte sie inmitten der ihr anvertrauten Schützlinge, ist ihre Mutter, Erzieherin, Pflegerin zugleich und darüber hinaus eine international angesehene Affenforscherin.

Vor drei Jahrzehnten folgte Mengden einer persönlichen Aufforderung des derzeit amtierenden Gouverneurs von Jakarta,  der sie bat, sich um die schon damals vom Aussterben bedrohten Tiere zu kümmern. Sie wußte, dass sie eine solche Chance nur einmal in Ihrem Leben erhalten würde. Und so ergriff sie das Angebot ohne lange zu überlegen, was sie bis heute nie bereut hat.

Lange schon hat sich Mengden von dem hektischen Getriebe der Zivilisation zurückgezogen. Zu Indonesien hat sie ein zwiespältiges Verhältnis. Auf der einen Seite liebt sie das tropische, stets warme Klima, liebt die üppige Natur und vor allem die Sanftheit der Menschen. Aber sie haßt „die Stadt“, wie sie Jakarta nennt. „Dieses Getriebe, diese Hektik. Wohin nur soll das führen?“

Es ist schwülheiß, die Luft drückend. Jakarta, die Hauptstadt und Millionenmetropole Indonesiens, atmet wie immer schwer unter einer gigantischen Glocke von Abgasen, Smog und dem Rauch Tausender  kleiner Feuer. Überall an den Gehwegen brennen sie, entsorgt der kleine Mann auf diese Weise seinen Müll. Anders würde er ihn sonst kaum losbekommen. Eine geregelte Müllabfuhr wie in den Metropolen Europas ist bislang schlicht an den unüberschaubaren und chaotischen Verhältnissen dieser Mega-Stadt gescheitert.

Der beißende Rauch dieser Feuer vermischt sich mit den ungefilterten Abgasen aus hunderttausenden von Auspuffen zu einem kaum noch atembaren Konglomerat aus feinsten Ruß-, Schwefel- und zahllosen weiteren toxischen Partikeln. Der Begriff Luftverpestung - hier nimmt er wörtliche Gestalt an.

Mengden will von „der Stadt“ schon lange nichts mehr wissen. 28 Jahre lang lebt, wohnt und arbeitet sie nun schon zurückgezogen in ihrem Haus im Affengehege, nach Jakarta geht sie kaum noch.

Deutschland hat sie schon jahrelang nicht mehr betreten. „Deutschland, damit tue ich mir schwer. Alles ist viel zu hektisch dort, zu unpersönlich, zu rechthaberisch“, meint Mengden nachdenklich.

Sie steht auf und führt mich hinter das Haus, wo sich ihre Schützlinge befinden. Einige der Orang Utans sitzen in ihren Käfigen, die meisten jedoch sind im Freien, spielen und balgen sich wie kleine Menschenkinder. Jeder Besucher wird neugierig beäugt und begrüßt. Ein kleiner Orang Utan kommt zu mir her, umklammert meine Beine und klettert schließlich zu mir hoch. „Halten sie ihn ruhig fest. Orangs lieben den Körperkontakt, sie werden gerne getragen“, fordert Mengden mich auf. Man ist überrascht, wie sanft diese Tiere sind und wie weich sich ihre Hände anfühlen. Zu jedem ihrer Schützlinge hat sie ein persönliches Verhältnis, jeden spricht sie mit ihrem Namen an. Natürlich hat sie Helfer, Angestellte des Zoos. Hier werden die Babys versorgt und so lange aufgezogen, bis sie groß genug sind für den eigentlichen Zweck ihrer Arbeit: die allmähliche Entwöhnung vom Menschen mit dem Ziel, die Tiere wieder in den Dschungeln Sumatras und Borneos auszusetzen. 120 Primaten gingen bislang durch ihre Station. Wenn auch nur die Hälfte davon überlebt und Nachwuchs bekommen hat, dürften mittlerweile Hunderte von Abkömmlingen ihrer ehemals Schutzbefohlenen in den Dschungeln Indonesien leben.

Ein Tropfen auf den heißen Stein, gewiß, aber ein großer Tropfen allemal.

Ulrike von Mengden macht den Eindruck einer Frau, die schon lange ihre Ruhe, ihren Seelenfrieden, ja ihre Heimat in ihrer Arbeit gefunden hat. Sie, die ihr Leben unseren engsten Verwandten des Tierreichs gewidmet hat,  hat auf ein eigenes Familienleben jedoch nur scheinbar verzichtet. In Wirklichkeit ist sie die Patronin einer Großfamilie mit all den vielfältigen Aufgaben, die man auch in einer menschlichen Großfamilie hat.

„Eigentlich könnten meine Affen sprechen“, bemerkt sie plötzlich. „Aber sie sind viel zu schlau dafür. Denn sie wissen nur zu gut, daß sie dann arbeiten müßten - im Dienste der Menschen.“ Und wenn man in die Augen dieser Tiere schaut, dann glaubt man ihr das nur allzu gerne.

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Datum: Sonntag, 9. Januar 2011 16:38
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