Die ersten Hautfarbe-Rassisten waren die Araber

 

Von Prof. Egon Flaig

Der Althistoriker Prof. Egon Flaig hat sich mit der Frage beschäftigt, wie die Hautfarbe zum Rassismus fand. Überlegungen zur kulturellen Genese (Entstehung) eines Untermenschentums. Mit Rassismus beschreibt man klassischerweise eine Ideologie, welche Menschen anderer Rasse, oft solche mit dunkler oder anderer Hautfarbe als minderwertig ansieht.

Egon Flaig schreibt, daß historisch gesehen erst einmal alle Sklavenhalter-Gesellschaften Rassisten in dem Sinne waren, als Herr und Sklave auf einer total unterschiedlichen Rangstufe standen. Insofern waren die alten Griechen und Römer Rassisten. In beiden Gesellschaften spielte die Hautfarbe aber keine Rolle, Sklaven waren Menschen mit den unterschiedlichsten Hautfarben, sehr oft auch blonde Germanen zum Beispiel. Für die Griechen war das Sklaventum eine Frage des Schicksals, Pech gehabt sozusagen! Auch für die alten Ägypter war die Hautfarbe kein Kriterium! Reden wir als nicht mehr lange um den Brei herum, die ersten, welche andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe verachteten, waren die Araber. Sie sind die Pioniere des „Hautfarbenrassismus“.

Egon Flaig
Der Hautfarbenrassismus der Araber

Zunächst bei den arabischen Geographen. Ein Anonymus aus dem Irak (um 902) führt die Entstehung von defizienten (defizitären, fehlerhaften, mangelhaften) „Rassen“ auf das Klima zurück. In der kalten Klimazone erleide der Fötus schon im Mutterleib schwere Schäden und werde zu einem defizienten Menschen; in der heißen Klimazone hingegen würden die Kinder im Mutterleib zu lange „gekocht“, „so dass das Kind zwischen schwarz und dunkel gerät, zwischen übelriechend und stinkend, kraushaarig, mit unebenmäßigen Gliedern, mangelhaftem Verstand und verkommenen Leidenschaften, wie etwa die Zanj (arabisch: „schwarz“), die Äthiopier und andere Schwarze, die ihnen ähneln.“

Eine persische Abhandlung (982) behauptet:

„Was die Länder des Südens angeht, so sind alle ihre Einwohner schwarz … Es sind Leute, die dem Maßstab des Menschseins nicht genügen.“

Desgleichen notiert der Geograph Maqdisi im 10. Jahrhundert über Schwarzafrikaner:

„Es gibt bei ihnen keine Ehen; das Kind kennt seinen Vater nicht; und sie essen Menschen … Was die Zanj angeht, so sind es Menschen von schwarzer Farbe, flachen Nasen … und geringem Verstand oder Intelligenz.“

Bernard Lewis hat darauf hingewiesen, dass wir es hier zumeist nicht mit einem dichotomischen (zweigeteilten) Rassismus (schwarz-weiß) zu tun haben, sondern mit einem trichotomischen (dreigeteilten): Zwei minderwertige Rassen (schwarz und weiß), beheimatet in den extremen Klimazonen, stehen einer hochwertigen (rot oder hellbraun) in der mittleren Zone gegenüber. Demgemäß gelten auch Türken, Slawen und Chinesen als weiße und daher minderwertige Rassen.

Die arabische Philosophie übernahm diesen hautfarblichen Rassismus. Der große Avicenna [1] (gestorben 1037), in dessen Namen heute in Deutschland Preise vergeben werden, behauptet umstandslos: Extremes Klima produziert „Sklaven von Natur“, „denn es muss Herren und Sklaven geben“; „Türken und Schwarze“ sind „Sklaven von Natur“. Im Liber Canonis, einer Schrift, die für das Studium der Medizin an abendländischen Universitäten wichtig wurde, wiederholt er, die Schwarzafrikaner seien intellektuell minderwertig.

[1] Avicenna war ein persischer Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Astronom und Alchemist, 980-1037 n.Chr., geboren im heutigen Usbekistan.

Auch im islamischen Spanien grassierte diese Rassentheorie: Der islamische Historiker und Rechtsgelehrte Sa’id al-Andalusi (gestorben 1070) lehrt eine klimatologisch begründete Minderwertigkeit der Schwarzafrikaner:

„Der lange Aufenthalt der Sonne am Zenith macht die Luft heiß und die Atmosphäre dünn. Daher wird ihr Temperament heiß, ihr Gemüt feurig, ihre Farbe schwarz und ihr Haar wollig. Also fehlt ihnen Selbstkontrolle und Beständigkeit des Geistes; darum werden sie von Launigkeit, Dummheit und Ignoranz überwältigt. So sind die Schwarzen, welche an den Grenzen des Landes Äthiopien leben, ferner die Nubier (Sudan, Süd-Ägypten), die Zanj und ähnliche.“

Warum der Rassismus im größten sklavistischen System der Weltgeschichte Farbe bekam

Es ist lange bekannt und gut erforscht, dass Schwarzafrika in der Antike kein wesentlicher Sklavenlieferant war. Griechen und Römer bezogen ihre Sklaven vornehmlich aus dem Norden und dem Osten. Es ist lange bekannt und gut erforscht, dass die arabischen Eroberungen im 7. und 8. Jahrhundert den nordafrikanischen Kontinent geopolitisch völlig umgestalteten, mit einer tiefen religiösen, sprachlichen und kulturellen Kolonisierung. Und dass ab dem 10. Jahrhundert, als die letzten Stämme der Sahara konvertiert waren (dem Islam zwangsweise beigetreten waren), die Deportation (Raub, Verschleppung) versklavter Afrikaner über die Sahara kontinuierlich in großem Umfang vor sich gehen konnte. Schwarzafrika wurde zur größten sklavistischen Lieferzone der Welt, etwa sechs Jahrhunderte lang, bevor das erste portugiesische Schiff die ersten Schwarzafrikaner an der Küste Senegambiens [2] verlud.

[2] Senegambien ist das Gebiet der heutigen Staaten Senegal und Gambia. (Nord-West-Afreika)

Der Export von versklavten Schwarzafrikanern in die islamischen Kernländer, also nördlich und östlich der Sahara, war insgesamt viel umfangreicher als der transatlantische Export (nach Nord-, Süd- und Mittelamerika) in die europäischen Kolonien. Der Umfang der Deportationen versklavter Afrikaner aus Schwarzafrika beträgt ungefähr 28 Millionen Menschen in knapp 1300 Jahren. Nach Ralph Austen beziffern sich die Deportationen zwischen 650 n.Chr. und 1920 n.Chr. wie folgt: 4,1 Millionen über das Rote Meer, 3,9 Millionen über den Indischen Ozean, 9 Millionen über die Sahara, also insgesamt 17 Millionen Versklavte in die islamischen Kernländer (nicht eingerechnet die Sultanate und Emirate südlich der Sahara); demgegenüber wurden von 1450 bis 1870 fast 12 Millionen Versklavte über den Atlantik verschleppt.

Dieser enorme Zustrom schwarzer Sklaven in das Reich des Islam erklärt vieles. Der arabische Hautfarbenrassismus war nicht bloß ein philosophischer Diskurs, sondern genau wie Lewis es vermutete: Es war die Sklaverei, welche die arabische Erfindung des Hautfarbenrassismus begründete; ihre entmenschlichenden Prozesse machten das Untermenschentum der Schwarzen plausibel. Kulturell bedeutsam wurde, dass die islamische Welt als einzige sklavistische Gesellschaft Handbücher für Sklavenkauf hervorbrachte. Diese informierten darüber, welche Sklaven für welche Tätigkeiten besonders geeignet waren; sie spezifizierten also die ethnischen Eigenschaften, und sie verschafften der medizinischen und philosophischen Rassenlehre Eingang in den Alltag und eine alltägliche Plausibilität. Da man Sklaven je nach ihren „rassischen“ Eigenschaften in sozialen, militärischen und ökonomischen Funktionen verwandte, stabilisierten sich die Vorurteile im Alltag.

Gegen Bernard Lewis wurde eingewandt, dass die muslimische Welt sich in den ersten Jahrhunderten überwiegend mit weißen Sklaven versorgt habe. Die Muslime versklavten vom 7. bis zum 10. Jahrhundert bei ihren Dschihads (Heiligen Kriegen) mehrere Millionen Griechen, Armenier, Nordafrikaner, Südeuropäer, Kaukasier und Inder; und sie kauften mehrere Millionen Türken, Turkmenen, Tataren und Mongolen und Slawen auf den Märkten. Der Rassismus gegen schwarze Hautfarbe muss verwundern angesichts des enormen Imports an „weißen“ Sklaven in die islamische Welt. Also, lautet der Einwand, kann die direkte Beziehung zwischen Sklaverei und Hautfarbenrassismus nicht stimmen.

Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man leugnet entweder, dass der Hautfarbenrassismus gegen die Schwarzen aus der arabischen Kultur stammt; und das heißt, man sucht seine Genesis (Erschaffung) woanders, etwa in der Antike, gegen den schreienden Protest der Quellen. Oder man erklärt den Hautfarbenrassismus zu einem Phänomen, das mir der Sklaverei gar nichts zu tun habe; dann muss man einen „präexistenten (vorher existierenden) Hautfarbenrassismus“ annehmen, der sich nur aus der kulturellen Semantik (Bedeutung) ableiten lässt, letztlich aus der kulturspezifischen Farbsymbolik. Mit der zweiten Möglichkeit ist jeglicher Scharlatanerie des „linguistic turn“ Tür und Tor geöffnet.

Wie lässt sich diese Frage behandeln? Denn an ihr hängt die Unangefochtenheit eines fundamentalen Ausgangspunktes, den der Jamaikaner Eric Williams schon 1944 in seinem Buch „Capitalism and Slavery“ zugrunde gelegt hat: Nicht der Rassismus führte zur Sklaverei, sondern die Sklaverei führte zum Rassismus. Da sich in die Diskussionen über die kulturelle Konstruktion von rassistischen Klischees keine Wirtschaftshistoriker einmischen und da Sklavereihistoriker sich bei Fragen der kulturellen Semantik zurückhalten, ist ein sehr simpler Umstand übersehen worden:

Der arabische Sklavenhandel ist viel älter als die islamische Expansion. Antike Texte wie die Fahrtenbeschreibungen Periplous oder die Naturalis historia des Plinius belegen den arabischen Sklavenhandel, ja sogar die arabische Kolonisation an der Suaheliküste (Ostküste Afrikas); diese muss bis in die augusteische Zeit (Kaiser Augustus 63 v.Chr. bis 14 n.Chr.) zurückreichen. Arabische Seefahrer transportierten schon Jahrhunderte vor der islamischen Expansion schwarze Sklaven entlang der ostafrikanischen Küste, an welcher eine Reihe von Hafenstädten als arabische Kolonien anzusprechen sind. Anfang des 6. Jahrhunderts ließ der persische König Chosroes I. im Irak große Zuckerplantagen anlegen: Das war das früheste Modell für großformatige Plantagensklaverei. Arabische Seefahrer versorgten die persischen Plantagen mit ständigem Nachschub an afrikanischen Sklaven.

Das heißt: Für die Bewohner der arabischen Halbinsel hatte die Sklaverei lange vor den islamischen Eroberungen eine eindeutige Farbe, nämlich schwarz, bevor sie ruckartig, vom Ende des 7. Jahrhunderts bis zum 9. Jahrhundert, bunt wurde. Daher ist der Hautfarbenrassismus in der arabischen Welt wahrscheinlich zweihundert bis dreihundert Jahre älter, als wir dachten. Das Urteil des Historikers Petre-Grenouilleau in seinem Buch „Les Traites negrieres“ (2004) - „Der Sklavenhandel in Richtung der islamischen Welt und der Rassismus gegen die Schwarzen entwickelten sich simultan“, basiert also auf einer richtigen Prämisse (Annahme). Zu modifizieren (abzuändern) ist es insofern, als die arabische Kultur schon längst eine rein schwarzafrikanische Sklaverei pflegte, bevor die islamische Expansion einsetzte und das größte sklavistische System schuf, welches die Weltgeschichte kannte…

MERKUR, August 2010, S. 683 ff.

Die Anmerkungen [1] und [2] sowie alle Grafiken sind vom Blogbetreiber.

Quelle: Egon Flaig: Die ersten Hautfarbe-Rassisten waren die Araber

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Siehe auch:
Egon Flaig: Mit dem Islam begann die organisierte Sklaverei
Egon Flaig: Dürfen Menschenrechte gegen andere Kulturen durchgesetzt werden?
Egon Flaig: Der Islam will die Weltherrschaft
Botho Keppel: Weltgeschichte der Sklaverei
Egon Flaig: Essay Djihad und Dhimmitude
Islamisches Spanien: Der Mythos vom friedlichen Al Andalus
Europäer als Opfer des islamischen Kolonialismus
Beim Sklavenhandel lernten Christen von Muslimen
Islamischer Kolonialismus

4 Kommentare

  1. Noch kein Kommentar? Bin ich halt der Erste ;-). Es ist erschreckend, wie wenig über dieses Thema bekannt ist. Ich kann mich an einen Beitrag von Botho Keppel erinnern: Weltgeschichte der Sklaverei | Die Weltwoche, Ausgabe 08/2010

    Es dürfte nicht verwundern, dass auch in diesem der Name Egon Flaig auftaucht. Ich kann mich noch an eine YouTube Mail eines Muslims erinnern, der mir als fundamentalistischen Ungläubigen Vorwarf, dass die Christen so schreckliche Sklaventreiber waren und dieselbige im Islam verboten sei.

    "Wer hat denn Menschen versklavt?", fragte er in seiner falschen Gewissheit. Schon interessant, dass nach meiner Antwort nichts mehr von ihm kam. Interessant ist dieser Beitrag vor allem wegen dieser Erkenntnis:

    "Sie sind die Pioniere des „Hautfarbenrassismus“."

  2. No doubt about that. Dass der Islam durch und durch antisemitisch ist, steht außer Frage. Und man muss nur die Märchen von 1001 Nacht lesen, um zu sich Klarheit über die Komplexe zu verschaffen, die der Mohammedaner gegenüber schwarzen Afrikanern hat. Islam is racism.

  3. Es gibt Unterschied zwischen Islam und Araber.
    Allerdings gab es auch bei den alten Araber Römer, Perser und sogar Araber als Sklaven; der Unterschied war nur, dass die schwarze Sklaven mehr waren, die von Afrikaner selbst als Sklaven gehalten worden und zu den arabischen Händler verkauft worden.

    Dass auch die alten Araber nicht unbedingt Hautfarbenrassismus pflegten, belegt es, dass in Mekka, Texte von schwarzen Araber (Mutter schw. Sklavin) angehängt worden, die nur von 10 besten arabischen Dichter waren.

    Sie hatten auch gute Beziehung zu äthiopischen Königtum und haben den äthiop. König geehrt.

    Nicht zu vergessen, dass es sehr dunkele(schwarze), 100% Araber gab, die den ersten Rang in ihrem Stamm bestiegen.

    Das Unglück an der Sache ist, dass es mehr schwarze Sklaven bei den Araber gab, als andere, deshalb entstand das Bildsynonym, Schwarz und Sklave.

    Dann kam der Islam, und hat es ausdrücklich verboten, Menschen wegen ihre Hautfarbe, und sogar Sklaventum, zu verachten, und dass alle die Kinder von Adam und Eva sind.

    Am Ende hat das transatlantische Sklavenhandel und neuzeitige Ideologien das Problem der Schwarzafrikaner verschärft, wenn nicht wieder explosive entstanden werden ließ.

    Das größte Problem der westl. Ideologie ist das Eurozentrismus.
    Schon die Aussage, das die Griechen sogar blonde Menschen als Sklaven hielten, ist lächerlich.
    Na und!
    Die blonde Menschen haben mit den Griechen nichts zu tun, also, warum soll das keine Hautfarbenrassismus sein.

    Schön Gruß

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