Das Ende der Demokratie (3/5): Nur der Stärkste wird überleben

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Ilona Schliebs, September 2010, Gastbeitrag

In der biologischen wie kulturellen Evolution gilt: nur der Stärkste wird überleben

Im Falle der biologischen Evolution ist der Hauptantrieb der Individuen einer Spezies die Weitergabe der eigenen Gene einer Spezies. Da die Erde endlich ist und da alle Lebewesen den Drang haben, möglichst viele Nachkommen zu erzeugen, geschieht dies oft auf Kosten anderer Lebewesen. Der allgegenwärtige und stete intraspezifische Kampf der Besten um einen Sexualpartner („fight of the fittest“) bestimmt, wessen Gene überleben und wer vom Antlitz der Erde verschwinden wird.

Zwischen den verschiedenen Spezies, die im selben Raum leben, findet ein anderer Kampf statt, der interspezifische Konkurrenzkampf: fressen oder gefressen werden lautet dabei die Devise Doch bei diesem Kampf geht es nicht um die Ausrottung der Schwächeren durch ihre Fressfeinde. Diese Taktik würde auch zum Aussterben des Stärkeren mangels verfügbarer Nahrung führen und erwiese sich damit als eine kontraproduktive und letzten Endes tödliche Strategie. In einem fein abgestimmten, fast „harmonischen“ Zusammenwirken passen sich Jäger- und Beutepopulationen meist auf ihre jeweiligen Populationsgrößen an.

Von nahezu allen Beutefängern weiß man, dass deren Fertilität und damit deren Nachkommenschaft im kausalen Zusammenhang mit der Zahl ihrer Beutetiere steht: geht der Rotwildbestand durch harte Winter oder andere Umstände in einem Biotop dramatisch zurück, verringert sich auch die Zahl der pro Wurf geborenen Wölfe, wodurch indirekt der Bestand der Beutetiere durch eine geringereWolfspopulation geschont wird – so lange zumindest, bis sich die Rotwildbestände wieder erholt haben. Danach steigt auch die Wolfpopulation wieder an.

Dies bedeutet, dass der Überlebenskampf der verschiedenen Spezies in einem gewissen Lebensraum nicht in einen gegenseitigen Vernichtungskampf ausartet, sondern dem Prinzip einer homöostatischen Selbstregulation unterworfen ist, die im Regelfall dafür garantiert, dass weder Beutetiere noch deren Jäger ausgerottet werden. Doch kann diese homöostatische gegenseitige Bestandsgarantie durch externe Katastrophen (Epidemien, Klimawandel, Naturkatastrophen) hin und wieder so gestört werden, dass dennoch ganze Arten für immer vom Antlitz der Erde verschwinden. Das Verschwinden von Arten ist so alt wie die Erdgeschichte selbst. 99 Prozent aller jemals diesen Planeten bewohnt habenden Arten sind verschwunden – und dieser Prozess setzt sich auch in der Gegenwart fort, trotz der bekannten Rolle, die wir Menschen mittlerweile beim Aussterben von Arten spielen. Aus Sicht der Evolution spielt dieser anthropogene Faktor jedoch bei weitem nicht die Rolle, die ihm in den Medien und Wissenschaftsberichten beigemessen wird. Die Natur hat wesentlich schlimmere Katastrophen überstanden – sei es die Perm-Katastrophe vor 300 Millionen Jahren (die fast alles damalige Leben ausgelöscht hat), der verheerende Meteoriteneinschlag im Golf von Mexiko vor 65 Millionen Jahren, oder sei die Toba-Katastrophe vor 74.000 Jahren, bei der der Ausbruch eines Megavulkans im heutigen Toba-See (Sumatra) zum Verschwinden zahlreicher Arten (und auch fast des Menschen) geführt hat.

Evolution geht ständig weiter

Die Evolutionstheorie ist keine abgeschlossene Theorie, denn sie ist einfach zu komplex für ein abgeschlossenes Lehrsystem. Es wird daher nie möglich sein, zu erklären, dass man alles über die Entstehung und Entwicklung der Lebewesen wisse. Die Evolutionstheorie wird immer offen bleiben für Korrekturen, Ergänzungen und Kontroversen.

Dennoch dürften ihre Grundzüge unstrittig sein. Wie bei den Tieren findet auch bei uns Menschen ein unentwegter biologischer Konkurrenzkampf statt. Nicht nur Tiere balzen um die Gunst eines potentiellen Sexualpartners, sondern auch wir Menschen. Auch uns Menschen ist die Weitergabe unserer Gene wichtig, auch wir besitzen eine biologische Uhr, auch wir wollen Sex mit möglichst vielen attraktiven Sexualpartnern, und auch den Menschen sind ihre eigenen Nachkommen (Blutsverwandte oder genetische Verwandte) äußerst wichtig. Biologisch gesehen ist der Mensch eben auch nur ein Tier.

Die kulturelle Doppelhelix, das kulturelle Erbgut einer KGE, will ebenso weitergegeben werden wie das biologische Erbgut

Doch ist der Mensch mehr. Während die Tiere nur auf einer biologischen Ebene existieren, lebt der Mensch auch auf einer geistig kulturellen Ebene und erzeugt nicht nur Nachkommen, sondern auch kulturelle Produkte, ob materieller oder geistiger Natur. Diese unterscheiden sich von Kultur zu Kultur, und ihre Gesamtheit stellt das Kulturkontingent einer Gesellschaft und letzten Endes der Menschheit dar.

Die kulturelle Doppelhelix, das kulturelle Erbgut einer KGE, will ebenso weitergegeben werden wie das biologische Erbgut. Und auch hier greift der Mechanismus des intra- und interspezifischen Konkurrenzkampfes. Religionskriege, Klassenkämpfe, Kriege zwischen den verschiedenen Ideologien (wie etwa zwischen den Nazis und den Stalinisten, oder später der Kalte Krieg zwischen Kommunismus und Kapitalismus) sind letztlich nichts anderes als Manifestationen eines Konkurrenzkampfes auf der Ebene der kulturellen Evolution. Vielen Menschen ist die Pflege und Weitergabe ihres gesellschaftlich-kulturellen Erbguts so wichtig, dass sie deswegen sogar auf die Weitergabe ihres biologischen Erbguts verzichten. Solche Menschen werden etwa Mönche, leben im Zölibat und widmen sich ausschließlich der Weitergabe ihres geistigen Erbguts. Oder sie werden Erzieher, Lehrer oder Wissenschaftler und trachten auf diese Weise, ihr geistiges Erbgut zu verbreiten.

Bereits in der Antike entstanden berühmte Schulen mit starken ideellen Bindungen zwischen Schülern und Lehrern, die viel stärker waren als wären sie eine sexuelle Verbindung eingegangen (was es auch gab). Auch die Verbindung zwischen Jesus und seinen Apostel ist ein solches Bindeglied in der gesellschaftlich-kulturellen Evolution. Daher war es nie nötig, dass Jesus eigene Nachkommen hatte. Denn er hatte Schüler, er hatte Apostel, die von ihm lernten und seine Lehre weitertrugen und damit seine kulturgeschichtliche Bedeutung stärker machten als es Jesus vermutlich je durch das Erzeugen eigener Nachkommen gelungen wäre.

Ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Erbkontingents ist die Sprache. Stärkere Kulturen haben stets versucht, der unterlegenen Kultur ihr eigenes Kulturkontingent – und darunter insbesondere ihre Sprache zu aufzudrängen. So lange eine Kultur herrscht, herrscht auch ihre Sprache – und umgekehrt. Deswegen galt so lange das Gebot der lateinischen Sprache in der katholischen Messe. Deswegen wollen die Araber, in deren Land Mohammed lebte und wirkte, innerhalb der islamischen umma ihre religiöse Vorherrschaft wahren, indem sie auf den arabischen Koran pochen und bis heute jede Übersetzung des Korans strikt untersagen.

Im Falle der gesellschaftlich-kulturellen Evolution ist der Hauptantrieb also die Weitergabe der eigenen Ideologie, Kultur, Gesellschaftsform oder Religion – je nachdem, ob es sich um eine religiöse, eine ideologische, eine ethnische oder eine andere Art von einer kulturell-gesellschaftlichen Einheit (KGE) handelt.

Gedanken über die Wirkungsweise der kulturellen Evolution

Der Konkurrenzkampf innerhalb der KGE findet nach den Regeln der Moral oder Ethik statt - die in gewissen KGEs zur juristischen Norm erhoben oder zu einem anderen (etwa religiösen) Regelwerk strukturiert wurden. Der Konkurrenzkampf mit anderen kulturell-gesellschaftlichen Einheiten (KGEs) ist vergleichbar mit dem interspezifischen Kampf der biologischen Evolutionstheorie. Seit dem Anfang der Geschichte haben alle KGEs zwischen den zwei Arten differenziert. Man erkennt diese Differenzierung z. B. in der Genese der Bibel. Adam und Ewa waren die ersten Menschen, sie zeugten erst zwei Söhne, und Kain kam nach der Ermordung Abels zu „wilden Stämmen“. Viele Menschen fragen sich, woher denn diese wilde Stämme aufgetaucht seien. Die Erklärung ist denkbar einfach: Sie waren da. Für die Menschen der biblischen Zeit galten sie nicht als Menschen, und deswegen beschäftigte man sich nicht mit ihnen. Menschen waren bei vielen Naturvölkern, Urvölkern u. ä. nur der eigene Stamm oder andere verwandte Stämme, die zur eigenen KGE gehörte, oder höchstens noch zu benachbarten KGEs. Die anderen waren „wilde Stämme“ (Bibel), Barbaren (Griechen und Römer), „behaarte Tiermenschen“ (Gilgamesch-Epos) oder später im Falle der Religionen „Paganen“, „Heiden“, „Ungläubige“ (Islam).

Diese uralte Differenzierung zwischen der eigenen KGE (mit eigenem Moralkodex innerhalb der KGE) bedeutet, dass man sich der Tatsache bewusst war, mit den anderen KGEs in einem dauernden Konkurrenzkampf zu stehen, wobei die Mitglieder einer KGE denen der anderen KGEs den Status des Gegners bzw. (Tod-)Feindes zuwiesen.

Diese Freund-Feind-Differenzierung hat die abendländische Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend gestrichen. Man stufte alle Menschen als gleichwertige Angehörige der eigenen KGE ein und erklärte fortan jegliche Differenzierung zwischen Personen verschiedener KGEs als „Rassismus“ oder „Diskriminierung“. Diesem Trend haben sich auch die Kirchen angeschlossen, indem sie ihren eigenen (wertedominierenden) traditionellen Kodex mit dem neuen werterelativistischen Kodex ersetzen. Christen des Mittelalters stuften Andersgläubige noch als „Heiden“ ein (mit allen juristischen und religiösen Konsequenzen als Menschen zweiter Klasse), und hatten dementsprechend keinerlei Schwierigkeit, religiös begründete Feldzüge gegen andere KGEs zu legitimieren. Heute tolerieren Kirchen „Heiden“ (als Sammelbegriff aller nicht-christlichen Religionen) als vollwertige Menschen mit einem andersartigen, aber gleichwertigen Glaubenskodex. Religiöse Feldzüge - auch nicht-militärischer Natur – gegenüber Andersgläubigen sind im Christentum heutzutage weder forderbar noch legitimierbar und gehören wohl für immer der Vergangenheit an.

An dieser Stelle will ich darauf hinweisen, dass ich mich bei diesen Überlegungen von keiner moralischen, sondern einer rein empirischen (beobachtenden) Sichtweise leiten lasse. Sollten in der Folge die Worte gut oder schlecht auftauchen, beschreiben sie weniger moralische oder ethische Kategorien im Sinne von gut oder schlecht, als vielmehr die Qualität bestimmter Mechanismen einer KGE im Hinblick auf deren Funktions- und Überlebensfähigkeit gegenüber einer konkurrierenden KGE. Um dies an einem Beispiel der biologischen Evolution zu veranschaulichen: Wenn ein Wolf ein Schaf frisst, dann ist das für den Wolf natürlich gut, für das Schaf aber schlecht. Für den „objektiven“ Beobachter der Szenerie ist es jedoch gleichgültig.

Fortsetzung folgt

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Datum: Sonntag, 26. August 2012 15:00
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4 Kommentare

  1. 1

    Es ist an der Zeit Zähne zu zeigen!
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    Die Muslimisch Demokratische Union (MDU) will 2013 bei den Landtagswahlen in Niedersachsen antreten. Der Verfassungsschutz hat nach eigenen Angaben nun Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche islamistische Bestrebungen beim Landesverband der MDU beobachtet. Das teilte der Verfassungsschutz-Präsident Hans-Werner Wargel am Sonnabend in Hannover mit und zitierte aus einer sogenannten Fatwa, die der Osnabrücker MDU-Kreisvorsitzende im Juli dieses Jahres auf dem Internetportal seiner Partei veröffentlicht habe.

    http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/mdu101.html

  2. 2

    Hier die Demokratie feindliche FATWA:

    http://www.zukunftskinder.org/wp-content/uploads/2012/08/Fatwa-Demokratie.pdf

  3. 3

    Darwins "Survival of the fittest" bedeutet nicht etwa "Überleben der Sportlichsten" oder der "Stärksten", sondern der ANGEPASSESTEN!
    (Quelle: http://dict.leo.org/ende?lp=ende&lang=de&searchLoc=0&cmpType=relaxed&sectHdr=on&spellToler=&search=fit )

    Schade, dass auch Sie, Herr Mannheimer, diesem Irrglauben anhängen. Ich hätte Sie hier für klüger gehalten - auch wenn ich Ihre sonstigen Beitrage allesamt mag!

    MM. Ihr Hinweis ist vollkommen richtig: Die "Angepasstesten" sind gemient, und diese werden überleben. Wie Sie vielleicht überlesen haben, ist die Serie "Das Ende der Demokratie" nicht von mir geschrieben, sondern von einer ungarischen Sozialwissenschaftlerin.

  4. 4

    @Martin1
    Von den Angepassten hatten im 3. Reich viele auch keine Überlebenschance. Wenn Angepasste das Stadium alles überwuchernder Dummheit und Grausamkeit akzeptieren, nur weil sie angepasst überleben wollen, dann kommt es zur Selbstvernichtung - wie Indisches Springkraut, das "kluge" Landschaftsgärtner zur Verschönerung der heimischen Landschaft einführten, und das jetzt die einheimischen Pflanzen überall unterdrückt, und jede Gegend wo es wächst eintönig stinkend alles überwuchernd keiner einheimischen Pflanze mehr eine Chance läßt.