Richard von Weizsäcker: Die Entzauberung eines Unantastbaren


“Weizäcker ist eine der Ursachen, weshalb Deutschland ständig “zu Kreuze kriecht”, sich selbst verleugnet und unfähig ist, seine und die Interessen der eigenen Bevölkerung zu vertreten.”
Ein Kommentator auf PI
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Thorsten Hinz: “Der Weizsäcker-Komplex”

Für die meisten Deutschen verkörpert Richard von Weizsäcker zweifellos das Ideal eines Bundespräsidenten, und in der Tat hat keiner seiner Vorgänger oder Nachfolger die Bundesrepublik auch nur annähernd mit dem Stilgefühl und der royalen Aura repräsentiert, die für Weizsäckers’ Habitus charakteristisch waren und sind. Weizsäcker hat die heimliche Sehnsucht nach einem Monarchen befriedigt, zu dem man aufschauen kann – und zwar so sehr, dass Kritik an ihm vielen Menschen buchstäblich als Majestätsbeleidigung erscheinen muss. Thorsten Hinz hat mit “Der Weizsäcker-Komplex. Eine politische Archäologie” (Edition JF, Berlin 2012, 353 S., € 24,80) eine der ersten kritischen Würdigungen des ehemaligen Bundespräsidenten vorgelegt und ihn dabei ein wenig entzaubert.

Es war höchste Zeit, dass dieses Buch erschien. Für ein demokratisches Gemeinwesen ist die kritiklose Verehrung eines Politikers nämlich auch dann fragwürdig – und kann sogar gefährlich sein -, wenn der Betreffende persönlich ein honoriger Mann ist. Die Autorität des Präsidenten von Weizsäcker war zwar “nur” geistiger und moralischer Natur, die Art, wie er sie ausübte, hat aber bis heute nachwirkende Folgen.

Insbesondere “die Rede”, also seine Rede zum 40. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, die von großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit wie ein geschichtspolitisches Evangelium aufgenommen wurde, hat die Debatte über die jüngere deutsche Geschichte auf ein Gleis geschoben, von dem sie bis heute nicht heruntergekommen ist. Hinz betrachtet sie zu Recht als den Auftakt zum “Historikerstreit” der achtziger Jahre, in dessen Folge das Reden über Geschichte in immer engere Schablonen gepresst wurde: Die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zurück zu Wilhelm II. hörte auf, Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis und öffentlicher Debatte zu sein, ihre Deutung wurde zu einer Art Staatsreligion, über deren Themen faktisch nur noch in vorgegebenen rituellen Formeln gesprochen werden darf, von denen abzuweichen als Blasphemie gilt.

Die Bundesrepublik betrachtet sich seit ihrer Gründung als Gegenentwurf: bis 1989 in erster Linie als Gegenentwurf zum Kommunismus und der DDR, seither primär als Gegenentwurf zum Dritten Reich – und man möchte fragen, was für ein Staatswesen das eigentlich ist, das es offenbar nötig hat, sich durch den Bezug auf möglichst schwarze Kontrastfolien zu legitimieren. Die wirkliche Geschichte der Deutschen, die sich vor achtzig Jahren irgendwie mit dem damaligen Regime arrangieren mussten, verschwindet unter solchen Umständen hinter einer Geschichtsideologie, die erkennbar aus staatspolitischen Gründen nachträglich konstruiert wurde. Dieser Ideologie zufolge muss Jeder, der kein ausgewiesener Widerstandskämpfer war, ein Nazi und ein Verbrecher gewesen sein.

Weizsäcker dürfte diese Entwicklung kaum gewollt haben, aber er hat ihr unfreiwillig Vorschub geleistet. Hinz arbeitet mit bestechender analytischer Schärfe die komplexen Motive heraus, die seiner Rede zum 8. Mai zugrundelagen:

Da ist das Motiv, seinen Vater Ernst von Weizsäcker zu rehabilitieren und damit zugleich jene Familienehre wiederherzustellen, die seit dessen Verurteilung im sogenannten Wilhelmstraßenprozess der Alliierten angekratzt war. Der Vater wird zwar in der Rede nicht erwähnt, aber dieser familiäre Hintergrund ist der Schlüssel zum Verständnis von Weizsäckers Rhetorik. Ernst von Weizsäcker war unter Ribbentrop Staatssekretär im Auswärtigen Amt gewesen. Er hatte den Nationalsozialisten durchaus kritisch gegenübergestanden, aber ein “Widerstandskämpfer” war er nicht gewesen. Er war dabei weder ein Nazi noch ein Landesverräter. Er diente dem Regime einerseits aus Patriotismus und Verantwortungsgefühl – man konnte das Schicksal Deutschlands schließlich nicht einfach den Nationalsozialisten überlassen – wie auch aus Ehrgeiz für sich und seine Dynastie. Für solche Grautöne ist im heutigen Geschichtsdiskurs freilich kaum noch Platz, wie allein das unsägliche Machwerk “Das Amt” beweist, in dem das AA pauschal als Verbrecherorganisation diffamiert wird.


Da ist das Motiv, den Führungsanspruch der traditionellen deutschen Eliten (der ebenfalls durch die Zusammenarbeit mit Hitler in Frage gestellt war), zu denen die Familie Weizsäcker ohne Zweifel gehört, fortzuschreiben.

Und da ist das Motiv, Deutschlands Platz unter den westlichen Nationen dadurch zu sichern, dass die BRD das Geschichtsbild der Siegermächte in toto übernimmt und sich dadurch sozusagen moralisch unter die Sieger einreiht – freilich um den Preis einer Politikauffassung, wonach Politik in der Vertretung bestimmter Werte und Ideologien besteht, sodass die Vertretung “westlicher Werte” im Zweifel Vorrang vor der Verfolgung eigener nationaler Interessen gewinnt. Unnötig zu sagen, dass diese Politikauffassung außerhalb Deutschlands kaum geteilt wird.

Diese Motive widersprachen einander: Wenn Weizsäcker den Vater und die deutschen Eliten rehabilitieren wollte, musste er der manichäischen Schwarzweißmalerei des Siegerdiskurses widersprechen, dessen Grundlinien keineswegs antifaschistisch, sondern antideutsch sind. Die Alliierten hatten sich geweigert, mit dem deutschen Widerstand zusammenzuarbeiten, weil sie nicht primär Hitler loswerden, sondern Deutschland als Großmacht ausschalten wollten. Unter diesen Umständen war Widerstand kaum anders möglich als um den Preis des Landesverrats. Darüber war Ernst von Weizsäcker sich im Klaren – anders als manche Widerstandskämpfer, die sich darüber hinwegtäuschten -, und diesen Preis war er nicht bereit zu bezahlen.

Da sein Sohn den Prämissen des Siegerdiskurses einerseits nicht widersprechen konnte, andererseits aber dessen Konsequenzen entgehen wollte – wonach sein Vater und mit ihm die deutschen Oberschichten Verbrecher gewesen seien und Deutschland auf alle Ewigkeit für deren Verbrechen zu bluten habe -, blieb ihm in seiner berühmten Rede nur die Flucht in eine Doppelbödigkeit und intellektuelle Unaufrichtigkeit, die sich hinter blendender Rhetorik verbarg und deshalb zunächst kaum jemandem auffiel. Hinz analysiert die entscheidenden Passagen der Rede Punkt für Punkt. Er zeigt, wie Weizsäcker dabei mit zum Teil unlauteren rhetorischen Mitteln Denkfiguren suggeriert, zu denen er dann wieder nicht steht: Da weist er den Vorwurf der Kollektivschuld zurück – dadurch immunisiert er sich gegen Kritik -, um dann eine Argumentationskette aufzubauen, die auf just diesen Kollektivschuldvorwurf hinausläuft.

Dieser unausgesprochene, aber desto wirkungsvoller suggerierte Kollektivschuldvorwurf an die Adresse des gesamten deutschen Volkes entlastet nicht nur dessen Oberschichten – was hätten sie denn schon machen sollen, wo sie doch zwischen Hitler und dem deutschen Volk gleichsam eingeklemmt waren? -, sondern macht sie zu tragischen Helden, die die bessere Einsicht ja gehabt hätten, aber nicht zum Zuge gekommen seien – weswegen es nun erst recht auf sie zu hören gelte. Auch diese Suggestion schwang in Weizsäckers Rede mindestens unterschwellig mit. Sie ist, wie Hinz zeigt, schon seit 1945 Teil einer Kollektivstrategie deutscher Eliten, die sich beizeiten bei den Alliierten als sozusagen von der Geschichte berufene Kolonialverwalter andienten, deren Aufgabe es sei, die Deutschen mit moralischem Pathos an die Kandare zu nehmen. Hinz nennt dafür einige Beispiele, am prominentesten sicher das von Marion Gräfin Dönhoff, der langjährigen Grande Dame der “Zeit”.

(Wie sich heute herausstellt, war dies für die traditionellen Eliten freilich ein schlechtes Geschäft, wofür wiederum exemplarisch Weizsäckers Versuch steht, den Vater auf Kosten des Volkes reinzuwaschen. Der “antifaschistische” Diskurs ist schließlich nicht dazu da, die traditionellen Eliten zu konservieren und zu legitimieren – bei aller Unterwerfungsbereitschaft sind sie aus der Sicht des globalistischen Systems eben doch unsichere Kantonisten -, sondern sie zu ersetzen.)

Überhaupt gehört zu den großen Stärken des Buches die Art, wie Thorsten Hinz mit Bezug auf die Weizsäckers das komplexe Beziehungsgefüge zwischen den Deutschen, ihren traditionellen Eliten, den Nationalsozialisten, der politischen Klasse der BRD und den westlichen Alliierten analysiert. Er zeichnet dadurch das Handeln und die Charaktere Ernst und Richard von Weizsäckers mit großer Tiefenschärfe und macht es verstehbar. Zugleich schreibt er damit ein beeindruckendes Stück Sozialgeschichte der deutschen Eliten. Wie auch schon Hinz’ vorheriges Buch “Die Psychologie der Niederlage” ist “Der Weizsäcker-Komplex” eines jener Werke, die man gelesen haben sollte, wenn man verstehen will, warum unser Land in seiner jetzigen misslichen Lage ist, und wer es warum dorthin geführt hat.

Quelle:
http://www.pi-news.net/2013/07/thorsten-hinz-der-weizsacker-komplex/

Thorsten Hinz (2012): Der Weizsäcker-Komplex. Eine politische Archäologie. Berlin: Edition JF, 353 Seiten, 24,80 Euro.

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5 Kommentare

  1. W. litt am Schuldsyndrom seines Vaters und hat dies auf ganz Deutschland projiziert. Ein schlechtes Beispiel, das ncchlange nachwirkt.
    Das heutige Deutschland hat Chancen, welche es zu nutzen gilt. Aber wer schläft sündigt auch.

  2. Die Einen versuchen/ versuchten reinzuwaschen, zu verdrängen, zu relativieren, sich auf die Obrigkeit zu berufen und die Anderern erzogen ihre Kinder zu gnadenlosen Internationalisten, sprich Kommunisten, Sozialisten, MaoTsetungisten usw.

    Verdächtig viele Pfarrers und Beamtenkinder darunter.

    Also genau jene Berufsgruppen, die eigentlich gegen Adolf u. Co. das Maul aufreissen hätten müssen.

    Mit die Einen und den Anderen sind die sog. Eliten gemeint, die aber natürlich bis runter zum Pfarrer, Lehrer, Regierungsdirektor erfasst sind.

    Und was machen diese Eliten heute ?

    Wie ist das mit dem EURO ?

    Wie ist das mit dem beschissenen Genderismus ?

    Wie ist das mit dem überbordenden Homo-Gequatsche ?

    Wie ist das mit dem mörderischen Todeskult Islam ?

    Wieder Schweigen im Walde !
    Wieder geht das Fressen über die Moral .

    Dabei erkennen diese sog. Eliten wieder nicht, daß ein von Genderismus und Homophilie, sowie vom Islam asozialisiertes und vom demographischen Wandel geschwächtes Deutschland für den Frieden in Europa mind. genauso gefährlich ist, wie seinerzeit der Faschismus.

    Was Deutschland dringend bräuchte, wäre ein selbstbewußter und weitsichtiger konservativer Politiker, der einfach mal die Kirche im Dorf ließe und diese ganzen ( links)verdrehten Strömungen auf ein erträgliches Maß zusammenstutzt.

    Solange nicht klar dokumentiert und Allgemeingut ist, daß Deutschland eben NICHT nur aus den 12 Jahren Faschismus bestand, sondern eine 2 000 jährige Geschichte auch mit zahllosen Errungenschaften für die gesamte Menschheit vorzuweisen hat, kann hier keine selbstbewußte Politik gemacht werden.

    Unsere Politiker müßten eigentlich mit allen Mitteln verhindern, daß wir, die Deutschen , je nach Gusto zum Prügelknaben, oder eben zum Zahlmeister degradiert werden.

    Und was ist die aktuelle Tagespolitik, ? Was machen da unsere Politker ?

    Sie machen mit.

  3. Hallo , an M.M. gute Besserung erst einmal an sie . Und ganz herzlichen Dank für Ihre enorme Aufklärung unserer Mitmenschen / mir . ” Danke ” !Es tut gut zu lesen das einige unter uns Aufgewacht sind das macht Mut , gibt Kraft um das fast unaussprechliche zu verarbeiten . Die Katastrophe ist riesig in unserem Land , Gott helfe uns , er wird wenn wir Anfangen uns selber zu helfen . Das Volk ( WIR ) sind der Souverän es ist an uns den Karren zu wenden mit Gottes Hilfe ! Danke auch an Karl Napp 😉 s.o. gut gemacht :)Lg.

  4. RE: “Was Deutschland dringend bräuchte, wäre ein selbstbewußter und weitsichtiger konservativer Politiker, der einfach mal die Kirche im Dorf ließe und diese ganzen ( links)verdrehten Strömungen auf ein erträgliches Maß zusammenstutzt.”

    Der würde auch auftreten, wenn in der Wählerschaft ein Sog zu solchen Positionen zu erkennen wäre.

    Fakt ist aber, daß die Mehrheit der Deutschen noch normal denkt und eher gemäßigt konservativ-deutschfreundlich, aber bei Wahlen Parteien stützt, die genau das Gegenteil machen.

    So sehr man auch den “Verrat” der (eh nie so ganz sauberen) CDU an Konservatismus und Patriotismus verurteilen mag, er ist auch Folge des Wählerverhaltens, wonach die CDU seit 1961 immerunter 50 % bieb und sich von FDP und SPD eingrenzen lassen mußte.

    Und welcher Berufspolitiker ist denn heute so blöd, mit Parolen zu agieren, mit denen er der Hetze des rotgrünen mainstream-Meute ausgesetzt ist und dazu noch vom Wähler dafür nicht belohnt wird??! Siehe Koch 2008 in Hessen mit seinen Bemerkungen, man müsse kriminelle Jugendliche mal härter anpacken!

    Und weiterhin ist es keine Entschuldigung, auf die ach so schlimmen Verhältnisse und das Fehlen von guten Führern und Parteien zu verweisen, denn dadurch geht die persönliche Verantwortlichkeit, sein Leben und die umgebenden Verhältnisse ordentlich zu gestalten, nicht verloren.

    Das gilt dann auch für die Wählerschaft. Statt nur rumzumosern und der Wahl fernzubleiben, muß man dann eben einen weniger strahlenden Führer, eine weniger ideale Partei wählen, damit sich überhaupt mal was bewegt in der Politik. Die Kartell-Parteien haben doch auch schon eine Menge von krassen Durchschnittstypen präsentiert wie Eichel in Hessen und jetzt den Weil in N-S, was Wahlerfolge nicht verhinderte!

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