“Erdogan ist auf der Flucht vor der Türkei”


In Köln, wo er sich heute aufhielt,  hielt der türkische Premierminister Erdogan eine Wutrede, in der  gegen “das Ausland” wetterte: „An das arrogante Ausland: Wir sind nicht mehr die Türkei von gestern“

***

Von Michael Mannheimer, 24.Mai 2014

Ein türkischer Despot auf Besuch bei seiner deutschtürkischen Anhängerschaft

Erdogan wird von den meisten Türken geliebt. Darüber soll sich niemand täuschen, der mit Blick auf seinen Köln-Besuch von Widerstand gegen ihn seitens türkischer Immigranten verweist. Diese sind meistens Aleviten oder säkulare Türken. Beide werden in der Türkei verfolgt. Die einen, weil Aleviten in den Augen der türkischen Sunniten “Uungläubige” sind, die anderen, weil sie versuchen, sich dem rapiden Re-Islamiserungskurs Erdogans in den Weg zu stellen und auf das Erbe Atatürks verweisen, der in der Türkei zwar immer noch Nationalheld ist, dessen Reformen jedoch seitens der islamistischen Regierung Erdogans nahezu alle außer Kraft gesetzt wurden.

Man soll sich daher nicht täuschen: Die Mehrheit der Türken sind sunnitisch. Und als solche sehen sie in Erdogan eine Lichtgestalt, die die Schmach vom Ende des Oslamischen Reiches, in dem die Türkei das islamische weltkalifat stellt und eine Weltmacht wahr, überwinden kann und die uralte türkische Sehnsucht nach Weltgeltung wiederbelebt hat.

Richtig: Erdogan ist ein osmanischer Despot. Und richtig: Er ist korrupt, hat sich Millionen an Staatsgeldern angeeigent und tausende Staatsanwälte und Polizisten, die mit der Untersuchung darüber bauftragt waren, strafversetzen lassen.

Richtig: Erdogan hat keine Platz im Reigen zivilisierter Staaten: Er lässt friedliche Demonstranten zusammenschießen, hat Opfer der Bergwerkkatastrophe geohrfeigt, kümmerte sich nur marginal um diese Katastrophe.


Und ebenfalls richtig: Er bedroht jeden, der ihn kritisiert. Seien es Individuen wie Journalisten, Politiker oder Historiker, die seine autokratische Herrschaftsform kritisieren. Oder seien es Staaten wie Israel, Zypern, Griechenland, Deutschland, die USA, Europa, Syrien, die etwa auf den Genozid der Türken gegen Armenier hinweise oder daruf, dass die Türkei den Ministaat Zypern seit 1974 immer noch besetzt hält und die Mittelmeerinsel nun – angesichts der überraschenden Erdgasfunde vor ihrer Küste – warnt, diese “ohne Erlaubnis” der Türkei abzubauen.

Wutrede in Köln

In Köln, wo er sich heute aufhielt,  hielt er heute eine Wutrede, in der  gegen “das Ausland” wetterte:

„An das arrogante Ausland: Wir sind nicht mehr die Türkei von gestern“

Erdogan war als Gastredner zum zehnjährigen Bestehen der Union der Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD) eingeladen worden. Die UETD gilt als europäischer Ableger der in der Türkei regierenden AKP. Politiker jeglicher Couleur hatten den Auftritt im Vorfeld kritisiert.

image

Unter denGegnern Erdogangs hat eine Augenzeugin, die mir telefonisch berichtete, kein einziges Kopftuch gesehen

Zehntausende Menschen hatten in Köln gegen die Rede protestiert. Die Erdogangegner kamen aus halb Europa zusammen, um gegen Erdogan zu demonstrieren. Die Angaben der Polizei, dass sich bis zu 30.000 Menschen an den friedlichen Protesten beteiligt haben, mögen also stimmen.

„Wir wollen ihn nicht. Wir setzen ein Zeichen und zeigen, dass viele türkeistämmige Menschen in Europa gegen die Politik von Erdogan aufstehen“, sagt die Studentin Esra. „Für die Explosion in Soma und die Sicherheitsmängel ist die AKP-Regierung von Erdogan verantwortlich.“ Dass der Ministerpräsident vor der türkischen Präsidentschaftswahl im August und kurz nach dem tödlichen Grubenunglück in Soma nun in Köln eine „Jubelshow“ vor seinen Anhängern inszeniere, sei geschmacklos.

„Der deutschen Bevölkerung muss gezeigt werden, dass man einem Diktator wie Erdogan keinen Platz lassen und auch keine Bühne geben sollte“, meint Ümit Üc, der in einem Demo-Zug durch die Innenstadt mitmarschiert. Auf Plakaten ist zu lesen: „Erdogan, du bist kein Demokrat“ oder „Erdogan: Räuber, Mörder, Lügner“. 

Manche tragen Sicherheitshelme mit dem Aufschrift „Soma“. So auch Behlül Cevikel: „Es ist menschenverachtend, wenn jemand so kurz nach einem Minenunglück nach Deutschland kommt, weil er hier 1,5 Millionen Wahlberechtigte gewinnen möchte.“

Zekiye Baskin ergänzt: „Er will Präsident werden, aber wir wollen diesen Betrüger nicht. Er unterdrückt alle, die ihn nicht unterstützen“, meint die Muslimin. Es wird erwartet, dass Erdogan im August für das Präsidentenamt der Türkei kandidiert. (Quelle)

Aber solche Aussagen und die Zahl von 30.000 Erdogangegner in Köln  vermitteln den falschen Eindruck einer mächtigen türkischen Opposition gegen den türkischen Despoten.

Die Mehrheit der Türken liebt Erdogan. Er ist für viele der neue Kalif einer wiedererstarkten Großmacht Türkei

Denn von seinen Fans wurde der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan fahnenschwenkend mit Applaus und Fan-Gesängen wie ein Popstar begrüßt.Und kaum auf der Bühne, machte er Front gegen seine Gegner, besonders pestete er gegen seine deutsche Kritiker: Er  warf kritischen Medien in Deutschland vor, mit dem Grubenunglück Front gegen ihn zu machen:

„Es hat auch Menschen in diesem Land gegeben, die diese Tragödie von Soma nicht mitgefühlt haben und die Situation sogar ausnutzten. Manche Abgeordnete haben illegale Aktionen gestartet und versucht, das Unglück für sich auszunutzen“,

wetterte der türkische Ministerpräsident.Und weiter schimpfte er.:

 „Es gab eine Schlagzeile ‘Zum Teufel mit Erdogan“,

Er wies jede Einmischung in die Angelegenheiten der Türkei entschieden zurück. Gewohnt selbstbewusst polterte er:

„Die Europäische Union kann ihre Probleme nicht ohne die Türkei lösen.“

Martin Schulz: “Erdogan auf Flucht vor der Türkei”

Interessant ist, dass ausgerechnet der SPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Martin Schulz, den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan wegen seines Deutschland-Besuchs kritisierte.

„Ich habe das Gefühl, er ist auf der Flucht vor Problemen in der Türkei“,

sagte Schulz am Samstag am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in Frankfurt. Doch auch davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Er und die SPD, beide vehemente Befürworter einer EU-Vollmitgliedschaft der Türkei, wissen zu gut, dass morgen EU-Wahl ist. Und wissen ebenfalls, dass die überwiegende Mehrzahl (80 Prozent) der deutschen und europäischen Wähler eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU nicht nur nicht will, sondern vehement ablehnen. Daher ist die Äußerung von Martin Schulz als das zu werten, was sie ist: Das billiges Täuschungsmanöver eines EU-Bürokraten, der kurz vor einer möglichweise schicksalhaften Wahl noch auf Stimmenfang für ihn und seine Partei geht.

Erdogans Ziel seines Deutschlandbesuchs sind die hier lebenden  Millionen Deutschtürken. Deren Stimmen braucht er für die Präsidentschaftswahl im August 2014

Erdogan ist das vermutlich alles wurscht. Es geht ihm bei seinem derzeitigen Deutschlandbesuch vor allem um die im kommenden August stattfindende  Präsidentenwahl in der Türkei. Die ist in doppelter Hinsicht ein Novum: Erstmals wird das Staatsoberhaupt direkt von der Bevölkerung gewählt, und zum ersten Mal dürfen türkische Staatsbürger mitwählen, die im Ausland wohnen. Schätzungsweise fünf Millionen Türken leben in der Diaspora, der größte Teil von ihnen in Deutschland. Eine Wahlkampftour in der Bundesrepublik dürfte sich für den mutmaßlichen Präsidentschaftskandidaten Erdogan also lohnen, wenn nicht sogar entscheidend für den Wahlausgang sein.

Wer sich also über den widerstand der Aleviten und kemalistischen Türken in Köln gefreut hat, sollte seine Erwartungen daran nicht zu hoch hängen: Erdogans Gegner kamen aus Belgien, den Niederlanden, aus Franreich und aus ganz Deutschland zusammen. Sie sind keine Anzeichen eines etwaigen Niedergangs des türkischen Prmiers, sondern die letzten und zum Untergang verdammten Kämpfer für einen entschwindenden Traum einer säkularen Türkei.

Denn für das Gros der Türken ist Erdogan der neue Kalif, der die Türkei wieder zu einer Weltmacht aufbauen wird, die sie bis 1918 war. Das allein zählt und rührt die türkische Seele. Und deswegen lieben sie ihn. Korruption hin, Bedrohung anderer Staaten her.

 

***

Spenden für Michael Mannheimer

Dieser Blog existiert nur Dank der Spenden meiner Leser

 ***

SPENDEN AN MICHAEL MANNHEIMER

Überweisung an:

OTP direkt Ungarn
 Kontoinhaber: Michael Merkle/Mannheimer
 IBAN: HU61117753795517788700000000
 BIC (SWIFT): OTPVHUHB
 Verwendungszweck: Spende Michael Mannheimer
 Gebühren: Überweisungen innerhalb der EU nach Ungarn sind kostenfrei
Seit Jahren arbeite ich meist unentgeltlich an der Aufklärung über die Islamisierung unseres Landes und Europas. Für meine Vorträge bei Parteien nehme ich prinzipiell kein Honorar: niemand soll mir nachsagen, dass ich im Dienste einer Partei stehe. Ich bin radikal unabhängig und nicht parteigebunden. Doch das hat seinen Preis: meine finanziellen Reserven sind nun aufgebraucht. Ich bin daher für jeden Betrag, ob klein oder größer, dankbar, den Sie spenden. Sie unterstützen damit meine Arbeit an der Aufklärung über die Islamisierung und meinen Kampf gegen das politische Establishment unseres Landes.
16 Comments
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments