Arabischer Nachrichten-Chef: „Es ist die Unterstützung und das Schweigen muslimischer Gesellschaften, dass der Extremismus zum Terror ausgewachsen ist, der Menschen weltweit tötet“

Aus dem Inhalt:

"Extremismus keimt nicht in einem vergifteten Biotop am Gesellschaftsrand. Abd al-Rahman al-Raschid, ehemaliger Direktor des Nachrichtensenders al-Arabiya, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Die Geschichte des Ex­tremismus beginnt in den muslimischen Gesellschaften, und es ist mit deren Unterstützung und Schweigen, dass der Extremismus zum Terror ausgewachsen ist, der Menschen weltweit tötet», kommentierte er die Pariser Anschläge. «Es ist von keinem Wert, dass ­Franzosen, welche Opfer sind, auf die Strassen strömen. Die muslimischen Gesellschaften müssen sich der Pariser Verbrechen und des ­islamischen Extremismus grundsätzlich ­entledigen.» "

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Aus der Neuen Weltwoche, 19.2.2015
Das Schweigen der anderen

Von Urs Gehriger - Muslime sehen im Attentat von Kopenhagen keinen Missbrauch ihrer Religion. Wie sonst ist das Schweigen zu deuten, das bei «Beleidigungen Mohammeds» heftigen Protesten weicht? Nun haben ein paar islamische ­Intellektuelle der Stille in den eigenen Reihen den Kampf angesagt. Mit erhellenden Worten.

Wie sich doch die Bilder ähneln! Noch ein ­Anschlag auf die Meinungsfreiheit. Noch ein Angriff auf die Juden. Wieder ein muslimischer «Sohn aus unserer Mitte» als Täter. ­Wieder Bestürzung. Wieder eine Trauerfeier. Allerdings waren’s nicht ganz die vier Mil­lionen von Paris, schlichte 40?000 zündeten in Kopenhagen Kerzen an. Und auch keine Staatschefs der freien Welt waren ge­kommen. Hat sich ­etwa bereits Trauerroutine eingeschlichen? Oder ist Europas Elite bloss protestmarschmüde?

Ein Gutes lässt sich der Trauerinflation immerhin abgewinnen: Das Schweigen der anderen drängt sich nicht so peinlich auf. Denn es hat ihn auch diesmal nicht gegeben, den Mil­lionen-Muslime-Marsch gegen den blutigen Missbrauch des Islams, nicht einmal ein Muckser auf einem Strässchen zwischen Rabat und Rawalpindi war zu vernehmen.

Ach ja, Muslimführer haben auch dieses ­Attentat auf einen Regisseur und einen jüdischen Synagogenwächter verurteilt. Die Islamische Religiöse Gemeinschaft, eine muslimische Dachorganisation in Dänemark, bezeichnete den Anschlag als «falsche Handlung» und rief gleichzeitig die dänischen Behörden auf, «ihre Solidarität mit allen zu zeigen, Muslime inklusive, die zweifellos die nächsten Opfer im täglichen Leben sein werden».

Fehlende Autorität im Islam

Etwas dürr, nicht? Darf man die Frage nach ­einem kleinen, diskreten Protestchen wagen?

«Wir müssen uns nicht rechtfertigen», ­sagen Muslime im persönlichen Umfeld schulterzuckend. «Wir sind keine Terroristen.» «Die Extremisten sind eine klitzekleine Minderheit und wir, die Mehrheit der Muslime, haben nichts mit Terror am Hut, wozu oder wogegen also sollen wir demonstrieren?»

Mamoun Fandy, ägyptischer Intellektueller, gibt Antwort: «Es reicht nicht, wenn ­hundert Denker, ein Schriftsteller, zehn Staatschefs und Könige verurteilen, was geschieht.» Muslime stünden nach Paris und Kopenhagen besonders in der Pflicht. «Der Westen und die Nichtmuslime werden nie glauben, dass wir gegen Terror sind, ausser ­eine immense und wütende Masse an Menschen strömt auf die Strassen, wie die Massen, welche gegen die Mohammed-Karikaturen demonstriert haben», so Fandy in der in ­London gedruckten arabischen Tageszeitung Asharq al-Awsat.* 

Ambivalenz durchzieht die muslimischen Gesellschaften. Sie sind tief gespalten darüber, was authentischer Islam heute bedeutet. ­Muslime haben keinen Vatikan, keine reli­giöse Autorität, die für die Gemeinschaft aller Muslime Gültigkeit beanspruchen könnte. Die Gläubigen teilen sich nicht bloss in Sunniten und Schiiten, welche sich vielerorts bis aufs Blut bekämpfen. Besonders unter Sunniten ist der Richtungskampf entbrannt. Der puritanische Salafismus und der in Saudi-Arabien ­beheimatete Wahhabismus tragen zur Radi­kalisierung rund um den Globus bei (siehe ­Artikel zum Wahhabismus, Seite 42).

«Frankreich befindet sich im Krieg gegen den radikalen Islam, aber nicht gegen den Islam», sagte Frankreichs Premier Manuel Valls nach den Pariser Anschlägen. «Dies ist ein Konflikt zwischen den Hauptwerten unserer Gesellschaft und gewalttätigen Extremisten», erklärt jetzt auch Dänemarks Regierungs­chefin Helle Thorning-Schmidt. Hier die ­überwältigende Masse der Muslime, dort ein paar irregeleitete Terroristen – wenn sich die Welt bloss so einfach in Schwarz und Weiss einteilen ­liesse.

Extremismus keimt nicht in einem vergifteten Biotop am Gesellschaftsrand. Abd al-Rahman al-Raschid, ehemaliger Direktor des Nachrichtensenders al-Arabiya, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Die Geschichte des Ex­tremismus beginnt in den muslimischen Gesellschaften, und es ist mit deren Unterstützung und Schweigen, dass der Extremismus zum Terror ausgewachsen ist, der Menschen weltweit tötet», kommentierte er die Pariser Anschläge. «Es ist von keinem Wert, dass ­Franzosen, welche Opfer sind, auf die Strassen strömen. Die muslimischen Gesellschaften müssen sich der Pariser Verbrechen und des ­islamischen Extremismus grundsätzlich ­entledigen.»

Kampfansage an die Ideologie

Einkehr, Katharsis, theologische Revolution, nicht weniger fordert Ägyptens Präsident ­Abdel Fattah al-Sisi. Wie kein arabischer ­Potentat vor ihm hält er den Finger mitten in die Wunde. «Das Werk der islamischen Texte und Ideen, die wir über die Jahrhunderte als heilig erklärt haben, erzürnt die gesamte Welt», konstatierte Sisi in einer Rede zum ­Geburtstag des Propheten Mohammed am Neujahrstag. «Die islamische Weltgemeinschaft [Umma] wird zerrissen, zerstört und ist verloren – durch unsere eigenen Hände.»

Sisis Worte waren eine Kampfansage an die religiös unterfütterte Ideologie der Islamisten, die in Ägypten auch nach dem Verbot der Muslimbrüder Anhänger hat und im ganzen Nahen Osten Zulauf findet. «Wir brauchen ­eine religiöse Revolution», schmetterte er den Gelehrten der Al-Azhar-Universität, der höchsten Instanz des sunnitischen Islam, ins Gesicht. «Und Sie, die Imame, sind dafür ­verantwortlich. Die gesamte Welt wartet auf Ihren nächsten Schritt.»

Sisi seinerseits schritt Anfang Woche beispielhaft voran. Nach der Köpfung von 21 ägyptischen Kopten durch den Islamischen Staat an der Küste nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis ging er persönlich auf Kondolenzbesuch bei christlichen Würdenträgern. Und lancierte ein Luftbombardement gegen IS-Stellungen im Nachbarland, wo nach dem Sturz des «verrückten» Gaddafi, militärisch orchestriert durch Taktmeister Barack Obama, das Chaos regiert und nun der IS aufmarschiert – gut hundert Seemeilen vor der italienischen Küste.

Die Hauptgefahr für die offenen Gesellschaften des Westens sind indessen nicht die IS-Henker und die ihr nacheifernden Attentäter, so grauenhaft deren Taten sein mögen. Gefährlicher ist die Ambivalenz unter Muslimen gegenüber dem Dschihadphänomen.

Der saudische Kolumnist Ali al-Sharimi nennt die stillen Dulder die «Ja-aber-Gang». «Diese Gang hat keine Farbe, keinen Geschmack, keinen Geruch – denn während sie vorgibt, Terror nicht zu unterstützen, erfindet sie ekelhafte Rechtfertigungen dafür, sie legitimiert ihn in Gedanken, besonders vor dem einfachen Volk», schreibt er in der saudischen Tageszeitung al-Watan. «Wer den Terror nur halbherzig verdammt, fördert ihn», bringt er seine Gesellschaftskritik auf den Punkt.

«Vermutungen» zur Schweiz

Die «Ja-aber-Gang» bevölkert nicht bloss den Maghreb und das Morgenland. Sie wohnt in den muslimischen Ballungszentren von Paris, Brüssel, London, Berlin, Madrid. Die Problemzone beginnt dort, wo die Religion über die Verfassung gestellt wird, wo Werte wie Toleranz und Meinungsfreiheit verworfen werden und der radikale Glaube als Fundament fürs Leben – privat und öffentlich – gelegt wird.

«Religiöser Fundamentalismus unter west­euro­päischen Muslimen stellt kein Randphänomen dar», kommt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) in sechs europäischen Ländern zum Schluss. Zwei Drittel der befragten Muslime ­halten demnach religiöse Gesetze für wichtiger als die Gesetze des ­Landes, in dem sie leben. Drei Viertel von ihnen finden, es gebe nur eine ­mögliche Auslegung des Korans. Fast 60 Prozent der befragten Muslime finden, dass die Angehörigen ihrer Religion zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollen. Die Daten wurden 2008 ­erhoben, ausschliesslich unter Marokkanern und Türken. Eine vergleichbare, länder übergreifende Studie neueren Datums gibt es nicht.

Und die Muslime in der Schweiz, wie fundamentalistisch denken sie? «Ich nehme an, weniger extrem», sagt WZB-Studienleiter Ruud ­Koopmans. Über die Hälfte der Muslime in der Schweiz stamme aus dem Balkan, wo eine ­moderate Religionsauffassung vorherrsche. «Aber das sind Vermutungen.» Es gibt ­Studien zu Quecksilber im Boden, zu Steinbockpopulationen, auch der Rassismuspegel wird im Auftrag des Bundesrats regelmässig gemessen, die Gesinnung der muslimischen Schweizer hingegen gleicht einer Dunkelkammer. Die Behörden scheint’s nicht sonderlich zu interessieren. Mit der Gedankenwelt der Muslime halten sie es wie die Muslime mit Protestmärschen gegen den Terror: wegschauen und schweigen.

Aus der Neuen Weltwoche, 19.2.2015


3 Kommentare

  1. Wer nichts tut, macht mit!
    Dieser Slogan galt in unseren öfentlichen Verkehrsmitteln. Aber wer den Angreifer bekämpft, kriegt die volle Härte der Justiz zu spüren, wenn der Angreifer dunkle Haut hatte.
    Verkehrte Welt??

  2. TAKIYA= DIE HEILIGE LÜGE
    Wieder so ein Blender, von wem oder was will der sich entledigen???
    Der ganze Koran muß weg, weil alle Islamisten dem hinterher hecheln.
    Jeder Muslim ist ein Islamist!
    Wir müssen all jene loswerden, deren Märchenbuch der Koran ist.
    Noch halten sich die "nichtextreme Islamisten" zurück.
    Wenn der Musel hier das Sagen hat, dann werden alle sehen wie "gemäßigt" der Nachbar, der Freund, der Kollege, der ..., diese ganze Brut ist.

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