Der Völkermord an Armeniern in der Türkei: Ein autobiografischer Bericht

Voelkermord an Armeniern 01

Ein Völkermord oder Genozid ist seit der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 ein Straftatbestand im Völkerstrafrecht, der nicht verjährt. Der Begriff Genozid setzt sich zusammen aus dem griechischen Wort génos („Herkunft, Abstammung, Geschlecht, Rasse“; im weiteren Sinne auch „das Volk“) sowie dem lateinischen caedere „morden, metzeln“. Gekennzeichnet ist er durch die spezielle Absicht, auf direkte oder indirekte Weise „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Daher wird er auch als einzigartiges Verbrechen, als Verbrechen der Verbrechen (englisch crime of crimes) oder als das schlimmste Verbrechen im Völkerstrafrecht bezeichnet. Die auf Raphael Lemkin zurückgehende rechtliche Definition dient auch in der Wissenschaft als Definition des Begriffs Völkermord. Seit dem Beschluss durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 wurde die Bestrafung von Völkermord auch in verschiedenen nationalen Rechtsordnungen ausdrücklich verankert. Der Genozid an 1,5 Mio Armeniern durch die Türken im Jahre 1915/16 gilt als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Das Ausbleiben eines internationalen Aufschreis und juristischen Verfolgung soll Hitler dazu ermuntert haben, seinen Völkermord an den Juden, Sinti und Roma zu planen und durchzuführen. Bis heute bestreitet die Türkei die Existenz dieses Völkermords und spricht von wenigen zehntausend Verhungerten Armeniern, die Opfer von Krankheiten und ihres Alters geworden seien.

Der vorliegende autobiografische Bericht wurde mir vor kurzem zugesandt.

Michael Mannheimer, 3.6.2015

***

Autor der Redaktion bekannt

Tagebuch meines Großvaters 1915-1970 

Kurz gefasste Erinnerungen ab dem Jahr 1915

Warum trafen die türkischen Minister den Beschluss über die Aussiedelung der armenischen Bevölkerung der Türkei?

(Diese Minister hießen: Thaliat Pascha, Enver Pascha, Dschemil Pascha)

Sultan Hamid regierte die Türkei 30 Jahre lang. Während dieser Jahre übte er auf alle in der Türkei lebenden Völker Gewalt aus. Wie sagte das Volk, es war nicht mehr auszuhalten! Um sich aus dieser Gewalt zu befreien, wurde in der Türkei die “Jugendpartei” gegründet, die in ihrem Programm vorgesehen hatte, die Monarchie zu stürzen und eine konstitutionelle Monarchie mit einem Parlament zu gründen.

In dieser “Jugendpartei” waren Intellektuelle aller Völker, die in der Türkei lebten, organisiert, darunter auch Armenier. Der Leitspruch der Jugendpartei war: “huriet, aselit, musefet”, das heißt: Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit.

Im Jahre 1908 wurde nach diesem Leitspruch ein Staatsstreich durchgeführt, der “huriet” genannt wurde und die Monarchie wurde gestürzt. In der Türkei wurden Parlamentswahlen durchgeführt, bei welchen auch Armenier gewählt wurden. Der bekannte Publizist, Jurist und Schriftsteller Grigor Sohrap wurde beispielsweies ein Parlamentarier.

Grigor Sohrap war sehr beliebt unter der türkischen Bevölkerung. Wenn angekündigt wurde, dass er öffentlich sprechen werde, waren die Säle immer voll besetzt, kein einziger Platz blieb frei. Sohrap sprach in seinen Reden von den Rechten aller in der Türkei lebenden Völker, er sprach über die Freiheit, er brachte das Thema der gleichen Rechte für Frauen auf die Tagesordnung, und sprach über die Abschaffung des Schleiers. Er schlug vor, in der Türkei eine europäische Kultur zu schaffen, die Lage der Bauer zu verbessern usw. Türkische Parteimitglieder befürchteten, dass ihr eigener Ruf Schaden nehmen könnte, weil sich Sohrap von Tag zu Tag mehr Popularität unter der türkischen Bevölkerung erwarb.

In der Türkei gab es auch andere sehr berühmte armenische Intelektuelle. Einer war Chosrow Effendi, der sehr viele Bücher und Erzählungen über das türkische Volk in türkischer Sprache verfasste. Chosrow Effendi unterrichtete an allen türkischen Universitäten und in armenischen Schulen. Er sprach so perfekt Türkisch, dass armenische Studenten anzweifelten, ob er wirklich Armenier sei. Sie wollten ein armenisches Wort aus seinem Mund erhaschen, aber sie hörten es nicht. Einmal sah eine Gruppe junger Armenier, dass Sohrap, Komitas und Chosrov Effendi zusammen spazieren gingen. Sie schickten einen von ihnen, näher zu kommen und zu hören, welche Sprache Chosrow Effendi spräche. So vergewisserten sie sich, dass Chosrow Effendi wirklich Armenier war.

Im Jahre 1912 erhoben sich die Völker des Balkans gegen die türkische Regierung. Die Europäer waren Vermittler, um zwei Seiten zu versöhnen. Es wurde eine Konferenz organisiert. Auch die Armenier schickten eine Delegation zu dieser Konferenz. Leiter der armenischen Delegation war Katholikos Khrimian Hayrik. Der Katholikos stellte auf der Konferenz die Frage, ob es gerecht sei, dass, obwohl die Armenier nicht an dem Aufstand teilgenommen hatten, sie ihre angestrebte Unabhängigkeit nicht bekämen. Doch der Katholikos wurde von niemandem gehört und er kehrte ohne nichts zurück, während die Völker des Balkans ihre Unabhängigkeit bekamen.

Als der Katholikos zurückkehrte, sammelten sich alle um ihn und fragten, welche Nachrichten er mitbringe. Hayrik sagte, dass die Menschen zur Sonntagsmesse kommen sollen, um dort die Antwort zu hören. Der Katholikos kam von Kopf bis Fuß bewaffnet zur Messe. Dem versammelten Volk sagte er, dass in Berlin ein Festessen stattgefunden habe, bei dem auf dem Tisch ein Ferkel serviert worden war, das man im Ofen gebraten und mit Rosinen und Reis gefüllt habe. Wer ein Messer bei sich gehabt hatte, schnitt sich einen Teil ab und nahm ihn mit. Er aber habe kein Messer gehabt und konnte daher kein Stück bekommen.

Die Menschen mussten verstehen: „Um Unabhängigkeit zu bekommen, muss man sich bewaffnen, die Freiheit muss man mit Blut bezahlen“. Ab diesem Tag wurden armenische bewaffnete Fedayin-Gruppen organisiert und es begann ein bewaffneter Befreiungskampf. Gleichzeitig wurde die armenische Frage in der Internationalen Liga thematisiert. Dort wurde die Unabhängigkeit Westarmeniens verlangt. Die türkische Regierung wollte die Armenier-Frage klären. Die Leiter der Regierung trafen im Geheimen den Entschluss, alle Armenier physisch zu vernichten. In diesem Fall würde die Armenische Frage sich “von selbst” lösen.

1914, 1. Weltkrieg, an dem auch die Türkei teilnahm

Alle armenischen Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren wurden in die türkische Armee einberufen. Darunter war auch mein Vater.

Ich berichte nun von unserem Dorf. Es hieß Chalkara. Es war in der Provinz Bursa, 40 km von der Stadt Eski?ehir entfernt. Im unserem Dorf gab es nicht weniger als 800 Höfe. Alle Armenier lebten auf Hügeln und in Wäldern. Die Bevölkerung beschäftigte sich mit der Seidenspinnerei, mit Feldarbeiten. Im Jahre 1914 war ich 12 Jahre alt. Unsere Familie bestand aus sechs Personen, zwei Jungen, zwei Mädchen, meine Mutter und mein Vater. Das älteste Kind war meine Schwester, sie war zwei Jahre älter als ich.

Nachdem alle Männer im Alter von 18 bis 45 aus unserem Dorf einberufen worden waren, begannen die Polizisten das Dorf einzukreisen, sie sammelten zuerst alle Waffen ab und nahmen dann Hof für Hof die ganze Bevölkerung mit. Wir kamen auch an die Reihe. Wir sammelten unsere Sachen, das heißt so viel Essen und Kleidung, wie wir tragen konnten, dann machten wir uns auf den Weg nach Eski?ehir, auf allen Seiten von Polizisten umgeben.

Es war sehr schwer, wir gingen zu Fuß. Wir kamen in Eski?ehir an und von da mussten wir weiter in die Stadt Konya. Wir fuhren mit dem Güterzug. Der war ganz voll, Menschen waren auf dem Dach des Zuges und im Zug. Mich setzte man auf das Zugdach und der Wind trug meine Decke davon. Nachdem wir einige Stationen gefahren waren, ließ man uns absteigen und wir gingen wieder zu Fuß. Wir waren umgeben von bewaffneten Polizisten.

Unterwegs, wenn jemand von uns krank war oder nicht mehr weiter gehen konnte, schlugen die Polizisten so stark sie konnten und zwangen ihn, weiter zu gehen. Wenn die Polizisten sahen, dass der Kranke unfähig war zu gehen, ließen sie ihn auf der Straße. So passierte es auch mit meiner Großmutter. Ich half ihr zu gehen, sie war krank und konnte nicht weiter und wir waren hinter der Karawane zurückgeblieben. Der Polizist kam, schlug uns, trennte mich von meiner Großmutter und brachte mich unter Schlägen zur Karawane zurück. So ließen wir meine Großmutter auf dem Weg. Was mit ihr passierte, weiß ich bis jetzt nicht.

Als ich bei den unseren war, sahen wir, dass die Polizisten alle Knaben aus der Karawane heraus musterten. Meine Mutter zog mir sofort Mädchenkleidung an und band mir ein Kopftuch um den Kopf. Die Polizisten brachten alle Knaben irgendwohin, wohin, weiß ich nicht, wahrscheinlich wurden sie erschossen. So kamen wir in der Stadt Teli/Reli an. Von dort gingen wir durch dichte Wälder in Richtung Adana, die Hauptstadt von Kilikien. Wir gingen und ernährten uns von Wildfrüchten und Beeren, es war unerträglich schwer. Wenn wir einen Wasserbrunnen sahen, warfen sich alle in den Brunnen hinein, vor lauter Durst, so war der Brunnen bald mit Menschenleichen gefüllt, denn sie hatten keine Kraft mehr, heraus zu kommen...

Endlich kamen wir nach Adana. Einige Tage blieben wir in der Nähe von Adana, dann bewegte sich unsere Karawane zur Stadt Tersul, und von da zur Stadt Mersin. In Mersin setzte man uns in einen Zug, welcher nach Aleppo fuhr.

Auf der Bahnhofstation in Aleppo erlaubte man uns nicht, aus den Waggons auszusteigen. Der Zug fuhr zur Wüste Der-Sor; - die letzte Station war Resulja, wo man uns absteigen ließ.

Vor uns waren schon viele Vertriebene dort angekommen. Es war eine weite Wüste. Die Ausgewanderten belegten ein Territorium von 40 km. In dieser Wüste blieben wir zwei Jahre, ohne Dach über dem Kopf.

Ich muss auch sagen, dass es in der Wüste keine ständig sesshafte Bevölkerung gab. Es waren Viehzüchter dorthin gekommen - Araber, die man Beduinen nannte. Sie wohnten in Sippen, hatten aus schwarzem Haar gefertigte große Zelte, in denen ca. 200 Menschen untergebracht werden konnten. Diese Beduinen genannten Araber waren halb wild, sie trugen keine Schuhe oder Kleider und gingen barfuß. Männer und Frauen trugen lange Steppmäntel aus schwarzem Satin. Die Mäntel der Frauen waren so lang, dass die Füße überhaupt nicht zu sehen waren. Diese Menschen kannten auch kein Geld. Sie aßen Pilaw mit Schaffleisch und Reis, aßen es mit den Fingern, und statt Wasser tranken sie Tan, ein saures Getränk aus Milch, das immer in Gefäßen bereit war.

armenia-genocide

In den Zelten der Ausgesiedelten verbreiteten sich ständig epidemische Krankheiten, denn es gab keine Möglichkeit, Sauberkeit zu halten, viele Menschen starben. Aus unserer Familie starben drei Personen. Einzelne Menschen kamen in die Zelte, nahmen die Leichen, um sie zu begraben. Die Angehörigen der Verstorbenen gingen nicht zur Beerdigung und sie weinten auch nicht. Als meine Mutter starb, umarmten wir drei Kinder ihre Leiche zwei Tage lang und lagen bei ihr, bis Menschen kamen und die Leiche wegnahmen.

Die türkische Regierung erteilte den Befehl, alle noch in Zelten verbliebenen Ausgewanderten zu einer Wüste zu bringen, die sich zwischen Der-Sor und Resulja befand. Die kleine Stadt Resulja, die neben den Zelten war, war von Tschetschenen bewohnt, ungefähr 200 Familien. Alle Männer waren von klein auf voll bewaffnet und trugen Cherkeska. Die Frauen waren ganz mit Gold und Silber geschmückt.

Den Tschetschenen war der Auftrag überlassen worden, die Auswanderten zu ermorden.

Jeden Abend kamen bewaffnete Tschetschenen und bewachten ein bestimmtes Territorium. Und das bedeutete, dass die Auswanderte jenes Territoriums zum Töten gebracht werden würden. Am Morgen wurde kundgegeben, dass die Menschen außer ein wenig Essen nichts aus dem Zelt mitnehmen durften. Auf diese Weise wurden der Reihe nach fast alle Zelte leer. Bevor die Menschen zum Töten gebracht wurden, gingen gewisse Tschechenen durch die Reihen und verkündeten, dass diejenigen, die sich zum Islam bekehren lassen würden, am Leben blieben. Aber niemand von den Ausgewanderten wollte das, sie bevorzugten, als Armenier zu sterben.

Wie es passierte, dass ich und meine Schwester am Leben geblieben sind

Wir wussten, dass die Tschetschenen die Armenier töten würden und ich sagte zu meiner Schwester:

“Wenn wir sterben sollen, werden wir im Zelt sterben, die Tschetschenen sollen machen, was sie wollen, wir werden nicht zu dem Ort gehen, wo sie die anderen Armenier töten”.

Wir gaben vor, krank zu sein, sie schlugen uns, aber egal wie stark sie zuschlugen, wir blieben liegen, wir waren sowieso vor Hunger ganz erschöpft.

Schließlich waren die Zelte der Ausgesiedelten fast vollständig geleert. In den Zelten waren nur wir ca. 200-250 Kinder geblieben. Ein wenig entfernt von unseren Zelten stand ein aus schwarzem Haar gefertigtes großes Zelt. Wir alle wurden von den Tschetschenen dorthin gebracht.

Zu dieser Zeit transportierten die Deutschen mit Lastwägen Waffen und Kriegszubehör an die russische Front. In jedem Wagen nahmen sie zwei von uns mit bis in die Stadt Mertin. In Mertin war ein türkisches Waisenhaus eröffnet worden. Und dorthin wurden wir gebracht. Früher war das Gebäude dieses Waisenhauses die Kirche der armenischen Bevölkerung dieser Stadt. Nachdem man die Armenier ausgesiedelt hatte, machte man daraus ein Waisenhaus für türkische Kinder.

Mit uns im Waisenhaus waren auch türkische Kinder. Man änderte unsere Namen, man gab uns türkische Namen, wir bekamen Nummern, die auf unsere Kragen genäht wurden. Man verbat uns, armenisch zu sprechen. Wir wurden nach Nummern gerufen. Meine Schwester starb im Waisenhaus. Zwei Menschen kamen, legten sie in einen Sack und trugen ihren Körper weg. Im Waisenhaus hielten zwei Jungen im Schlafzimmer jede Nacht Wache. Ich und ein anderer armenischer Junge waren an der Reihe, Wache zu halten. Wir kannten uns, wir beide waren Armenier.

Man nannte uns “Mhatit”, das hieß: ein vom Armenier zum Türken Gewordener

Während der Wache überlegte ich, in dieser Nacht aus dem Waisenhaus zu fliehen und sagte es meinem Freund. Ich fragte ihn, ob er mit mir fliehen wolle. Er stimmte zu und fragte wie. Ich erklärte ihm meinen Plan, unsere Kleider abzulegen und die Schuhe auszuziehen, nur die Unterhose und ein Unterhemd sollten wir anhaben, damit wir nicht erkannt werden könnten, wenn die Polizisten nach uns suchen. Denn einige waren schon aus dem Waisenhaus geflohen, aber die Polizisten hatten sie an der Kleidung erkannt und sie wurden zurück ins Waisenhaus gebracht.

Wir zwei gingen zur Seite des Schlafzimmers der Mädchen. Die Wand, von der wir sprangen war 8-10 Meter hoch. Aber zum Glück war unter der Wand weicher Müll, auf den wir fielen, so dass uns nichts passierte. Die Stadt Mirtin (?) befand sich am Abhang eines großen Berges. Zu dieser Zeit kam die Eisenbahn von Resulja zum Abhang des Berges Mertin. Auf dem Bahnhof, der 10 Kilometer von der Stadt entfernt lag, arbeitete ein Mann aus Eski?ehir, dessen zwei Schwestern im Waisenhaus waren. Er kam oft ins Waisenhaus, um seine Schwestern zu besuchen und wir kannten ihn schon. Er war Armenier, aber “zum Türken geworden”. Zu ihm gingen wir.

Er fragte uns, warum wir gekommen seien. Wir sagten ihm, dass wir geflohen sind und wollten, dass er uns nach Aleppo schickt. Er war einverstanden, aber sagte, dass wir Aleppo nicht erwähnen dürften, und wenn man uns fragte, sollten wir sagen, wir fahren nach Musepin. Musepin war nur einige Stationen entfernt. Er setzten uns in den Zug, doch die anderen Reisenden protestierten stark, als sie uns sahen. Wir hatten ja fast nichts an und sahen wie weiß nicht wer aus. Die Reisenden riefen nach einem anderen Bahnhofsarbeiter und verlangten, dass er uns absteigen lassen solle. Er wollte es tun, aber der Mann, der uns in den Zug gesetzt hatte, war zum Glück in der Nähe. Er kam und sagte, dass wir hier nicht bleiben könnten und dass wir nach Musepin sollten. So blieben wir im Zug. An jeder Station hielt der Zug an, ich nahm die Wassergefäße der Reisenden, stieg ab und holte Wasser.

Selbstverständlich gaben die Reisenden mir dafür Geld oder Essen. Schließlich kamen wir in Musepin an. Mein Freund zitterte im Zug. Ich stieg ab, um für ihn Matsun zu kaufen. Ich bat eine Frau, mir für Geld Matsun zu verkaufen. Diese Frau schaute lange auf mein Gesicht, griff dann nach meiner Hand und sagte auf Türkisch: „Mein Junge, du bist Armenier? Wirst du mein Sohn werden?“. Ich log, dass ich kein Armenier sei, aber sie glaubte mir nicht. Sie zeigte mir ein zweistöckiges Haus und fragte, ob ich hier bleiben wolle. Ich sagte ihr, dass ich ein Türke sei und mein Bruder krank im Zug liege, sie solle mir Matsun geben und ich werde gehen. Sie gab mir Matsun, nahm aber kein Geld und sagte zu mir: “Du kannst mich nicht betrügen, du bist ein Armenier.” Und ich war mir sicher, dass diese Frau, die Matsun verkaufte, auch eine Armenierin war, die Frau eines Arabers oder Kurden.

Solche Fälle gab es sehr oft. Die Tschetschenen verkauften die jungen Frauen. So ein Schicksal hatte auch meine Tante. Ein Araber hat sie geheiratet. Als ich später in Baghdad war, sagten mir meine Landsleute, dass meine Tante am Leben und die Frau eines Araber geworden sei. Sie sagten mir, ich könne gehen und sie sehen. Doch als ich erfuhr, dass sie auch ein Kind hatte, verzichtete ich darauf sie zu sehen. Denn wenn armenische Frauen erfuhren, dass sie einen am Leben gebliebenen Verwandten hatten, ließen sie ihren Mann stehen und flohen. Die arabischen Männer wussten das und hätten diesen Mann getötet.

Meine Tante lebte in einem schönen Haus, das Haus stand in einem Garten, umgeben von einem eisernen Zaun. Später ging ich oft dorthin, schaute auf meine Tante, auf die im Hof spielenden Kinder und ging weg mit Tränen in den Augen.

Die Reisende im Zug kannten uns schon, sie hatten sich vergewissert, dass wir keine Kriminelle waren und es war nicht mehr die Rede davon, uns vom Zug absteigen zu lassen. Dann kam der Zug in der Station an, wo Armenier ermordet worden waren - in Resulja.

Als wir in der Nähe von Resulja im Zelt gelebt hatten, war ich oft auf der Straße, um nach einem Verdienst Ausschau zu halten. Als ich jetzt aus dem Zug stieg, um Wasser zu holen, und wieder zurück wollte, fasste mich ein Tschetschene am Fuß und sagte: du bist Gjavur. Er hatte mich wieder erkannt. Die Reisenden sammelten sich, nahmen mich an der Schulter und hoben mich in den Zug. Sie sagten dem Tschetschenen, dass ich kein Gjavur bin, sondern ein Türke und in diesem Augenblick der Zug fuhr ab. So war ich auch diesmal gerettet.

In unserem Waggon war die Frau eines türkischen Offiziers zusammen mit ihren zwei kleinen Jungen. Einmal deckte sie den Tisch, stellte alles mögliche Essen auf das Tischtuch. Die Kinder waren satt und aßen nichts mehr, das Essen war viel zu viel. Diese Frau schaute auf uns, und wir schauten auf sie. Wir wussten, dass auch sie eine Armenierin war, die einen Türken geheiratet hatte, und sie wusste, dass wir geflohene armenische Waisen waren, aber wir konnten nicht sprechen. Dann sagte sie uns auf Türkisch, dass wir das Tischtuch mit allem, was darauf war, nehmen sollten .

Endlich kamen wir in Aleppo an. Unsere Reise von Mirtin nach Aleppo hatte drei Tage gedauert. In Aleppo waren sehr viele Waisen wie wir, auch sie waren halb nackt, aber sie waren dick, nicht so ausgehungert wie wir.

Einige Tage blieben wir auch auf den Straßen. Und eines Tages sahen wir viele gleich angezogenen Kinder, die Armenisch sprachen. Wir kamen näher und fragten, wo sie wohnten. Es waren Kinder vom armenischen Waisenhaus. Wir fragten sie nach den Bedingungen des Waisenhauses und baten sie, uns das Waisenhaus zu zeigen. Zuerst waren sie nicht einverstanden, aber wir versprachen Geld und sie zeigten uns das Waisenhaus. Man nahm uns auf und wir blieben dort bis zum Ende des Krieges.

Die Stadt blieb einen Monat lang ohne Leitung. Die Türken und die Deutschen hatten die Stadt verlassen. Schließlich kam die englische Armee. Man bewaffnete alle Armenier der Stadt und schickte sie mit französischen Truppen, Kilikien zu erobern. So ging es einige Zeit. Man gab in unserem Waisenhaus bekannt, dass in der kilikischen Stadt Totjol der Armenische Wohltätigkeitsfond auch ein Waisenhaus eröffnen werde. Es wurden 200 Jungen dorthin geschickt, diejenigen, die wollten, sollten sich einschreiben. Ich ließ mich eintragen. Man transportierte uns in dieses Waisenhaus. Es lag ein wenig außerhalb der Stadt. Dieses Gebäude war vor dem Krieg ein armenisches Kolleg gewesen und gut ausgestattet. Man prüfte unsere Kenntnisse und verteilte uns auf die entsprechenden Klassen. Man verbot uns, Türkisch zu sprechen. Wir wurden in allen Fächern unterrichtet. Der Unterricht dauerte bis 22.00 Uhr abends. Dort holte ich in zwei Jahren das Programm von 5 Klassen nach. Im Waisenhaus gab man uns kein Essen. Man gab uns Grundstücke, die wir bearbeiteten und davon lebten wir.

 

Wie ich die Nachrichten vom Schicksal meines Vaters bekam

Es war in der Zeit meines Waisenhausaufenthaltes, während einer Unterrichtsstunde. Nach Kilikien waren armenische Freiwillige gekommen, die sich für ihre Angehörige interessierten. Eines Tages kamen welche von ihnen ins Waisenhaus. Einer rief mich und erfuhr, woher und wessen Sohn ich war.

Er sagte mir: “Ich werde dir etwas sagen, aber weine nicht, gib mir dein Wort, dass du nicht weinen wirst.” “Ich werde nicht weinen”, sagte ich. Und er erzählte: “Ich und dein Vater waren zusammen in der Armee, bis zum Ende waren wir zusammen. Wir haben immer Briefe ins Dorf geschrieben, aber keine Antworten erhalten, wir wussten nicht, dass man euch ausgesiedelt hat. Man hat uns in der Armee keine Waffen gegeben. Wir arbeiteten als Arbeiter, halbnackt, schlechtes Essen, wir arbeiteten und wohnten an Orten, wo es sehr sehr häufige Todesfälle gab. Einmal, als wir in der Nähe von Tigranakert Schützengräben ausgehoben haben, starb dein Vater in meiner Anwesenheit.”

Von unserer Familie, die aus sechs Personen bestanden hatte, war nur ich am Leben geblieben.

Frankreich verkaufte Kilikien an die Turkei. Eines Tages sagte man uns, dass man uns wieder nach Aleppo bringen werde. In Aleppo wurden wir Werkstätten zugeteilt. Mich brachte man zu einem Armenier. Er war Dreher. Dieser Mann hatte seine eigene Werkstatt, wo außer Dreherei auch eine kleine Kupfer–Schmelzhalle war und es gab eine Drehmaschine und eine Hobelmaschine. In der Werkstatt arbeitete der Besitzer zusammen mit seinen zwei Söhnen. Ich machte bei ihm eine Lehre als Schlosser und Motorist. Im Jahre 1923 zog ich von Aleppo nach Bagdad um. Dort arbeitete ich nicht als Schlosser. Unsere Landsleute gaben mir Arbeit in einem privaten Restaurant, als Büffetier und ich bereitete auch Ice Cream zu.

Im Frühling 1924 bekamen ich und noch drei andere Menschen ihre Ausweise, um auf eigene Kosten nach Armenien zu fahren.

Wir gingen zu Fuss durch den Iran, denn wir befürchteten, dass man uns im Zug töten könnte. Wir gingen nachts, tagsüber ruhten wir uns aus, wir wollten nicht, dass Muslime uns sehen. Dann kamen wir in Täbris an.

Meine ganze Geschichte die Übersiedlung, die Geschichte des Lebens in der Der-Zor Wüste hatte ich in zwei dicken Heften aufgeschrieben. In Täbris nahm mir der Konsul diese Hefte weg. Er sagte, dass ich diese Hefte nicht nach Armenien mitnehmen solle. Später in der Heimat habe ich einige Male versucht, alles noch einmal aufzuschreiben, aber immer, als ich damit anfing, quälten mich die bittere Erinnerungen so sehr und ich konnte es nicht beenden. Das, was ich jetzt geschrieben habe, ist eine kurze Zusammenfassung, denn ich will, dass meine Kinder und Enkelkinder die Geschichte meines Lebens, wenn auch kurz, erfahren.

Im Juni 1924 waren wir schon in Jerewan. Ungefähr einen Monat lang blieben wir arbeitslos. Als wir bemerkten, dass man uns keine Arbeit gab, wandten wir uns an Lukaschin. Er war der Leiter der Regierung. Lukaschin trennte uns voneinander. Einen Freund schickte er nach Kirowakan, einen nach Dilidschan, und mich und einen anderen nach Sevan. Wir sollten da in der Schifffahrtsgesellschaft arbeiten. Die Augen meines Freundes schmerzten. Kapitän Gasparyan brachte ihn nach Jerevan, um seine Augen zu heilen. Später half er ihm in Jerewan, eine Arbeit zu finden. Mich stellte Kapitän Gasparyan auf dem Dampfschiff Lukaschin zuerst als Heizer, dann als Helfer des Mechanikers ein. Als wir das Schiff Namens Hambardsumyan mit Motor bekamen, arbeitete ich dort als Motorist. Ich arbeitete bis 1929. Zu dieser Zeit kaufte Armenien in Astrachan von privaten Leuten zwei Motorschiffe. Ich und der Kapitän fuhren, um diese Schiffe nach Sevan zu bringen. Wir brachten sie von Astrachan nach Baku.

Ich war mit dem Kapitän gefahren, weil ich frei Türkisch sprechen konnte. Als wir die Schiffe auf die Gleise gestellt hatten, sagte mir der Kapitän, ich könne nach Sevan zurückfahren, alles andere werde er selbst erledigen. Als ich in Sevan ankam rief mich der Trestleiter zu sich und teilte mir mit, dass ich im Kühlhausbetrieb als Motorist arbeiten solle. Ich fing zu arbeiten an, mit der Zeit wurde ich leitender Mechaniker des Kühlhausbetriebes. Im Herbst 1941 wurde ich zur Roten Armee einberufen. Nach dem Ende des Krieges kehrte ich zurück zu meiner Arbeit im Kühlhausbetrieb, zuerst als Mechaniker, dann als Direktor. Im Jahre 1951 bekam ich die Lenin-Medaille. Ab 1957 ging ich in Rente. 1970 bekam ich eine weitere Medaille.


Tags »

Autor:
Datum: Mittwoch, 3. Juni 2015 5:00
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Christenverfolgung durch den Islam, Genozide des Islam, Tuerkei und Türkentum

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Kommentare und Pings geschlossen.

12 Kommentare

  1. 1

    Es gibt nur einen völkermord der mich überhaupt interessieren könnte. Und zwar der derzeitige an Michel.

    Was mich daran fasziniert, ist, warum michel quasi genüsslich und mit einer hohen förderung des michels selbst hingenommen wird!?

    Klar kann man den mord nicht mehr aufhalten. Eine nach zig jahren eingeführte geburtenrate von unter 0,5 (nur michaelas, keine kanak. Mit kanak dann etwas über 1) führt nunmal zum völkermord. Um eine kultur am leben zu erhalten ist nunmal eine rate von minimal 2 kinder nötig.

    Aber wenn die privatsender(wers glaubt) seit zig jahren jeden tag zeigen "wenn du schwanger wirst ist dein leben vorbei" wirkt nunmal bei kleinen mädels.
    Und einer alleinstehenden schwangeren h4 empfängerin die stütze kürzen, tut den rest. Sowas spricht sich bei hörigen menschen rum.

    Und zum glück fahren die geburtsfähigen frauen inzwischen die stadtbusse und verdienen geld um sich eine handtasche von karl dem grossen zu kaufen.

    Alles tutti sozusagen...

  2. 2

    Das mag so sein,
    daher mögen diese Nachrichen multipliziert und geteilt werden, damit alle Bekannte-, Freunde und Europäer erfahren, was los ist.
    Daher mach mit: ****

    …und bitte wieder TEILEN, WEITERLEITEN und MULTIPLIZIEREN …. (- whatsapp, - E-mail, - Threema, -Plag**-Network etc. (jeder so, wie er die Möglichkeiten dazu hat) Eure Hilfe ?

  3. 3

    Aber von den Massakern an den Aleviten in den 70ern,
    (mit mehr als 700 Toten)in Side u.Malatya, hatte man
    im - ach so korrekten (politisch-korrekten?)Deutschland
    kein einziges Wort vernommen! Damals wurden Menschen
    auf offener Straße lebendig verbrannt, vergewaltigt od.
    auf ähnliche Art u.Weise "islamisch beglückt"! Dazu immer
    untermalt mit den Rufen: "Blut für die islamische Türkei"!

    Empfehlenswert dazu:Burak Gümüs "Türkische Aleviten"
    (Die wahre Fratze der Osmanen!)

  4. 4

    Der Völkermord der Türken an den Armeniern ist wissenschaftlich belegt. Dass der kleine Pseudohitler in der Türkei das leugnet, ist ein weitere Beweis für den Grössenwahn dieses Gossenabschaums.
    Was für mich aber noch schlimmer ist, dass der Genozid an der deutschen Zivilbevölkerung bis heute nicht öffentlich gemacht wurde. 14 Millionen Deutsche sind durch wilde Vertreibungen abgschlachtet worden oder, und das ist ein Skandal, haben die Alliierten NACH dem Ende des WW2 in Lagern auf deutschem Territorium MIT VORSATZ VERHUNGERN lassen.NOCHMAL IM KLARTEXT: IN FRIEDENSZEITEN wurden diese Millionen Deutsche bis 1949 bewusst und vorsätzlich getötet. Diese anglosaxonen Schweine haben es geschafft, das deutsche Volk danach zu einem endlos schuldbewussten. eierlosen Michel zu indoktrinieren und IHRE MENSCHENVERACHTENDEN VERBRECHEN wurden NIEMALS aufgearbeitet. Es ist an der Zeit, diesen GENOZID endlich an die grosse Glocke zu hängen und diesem parasitären Abschaum endlich mal zu zeigen, was Sache ist (Nachzulesen in Haisenkos Buch:"England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert")

  5. 5

    jetzt sehe ich das erst. der VM an den Armeniern war 1915!!!???.
    Dann ist es doch logisch das "das" deutsche dran schuld hat.

    Ist doch logisch...oder

  6. 6

    profamilia (5) ...

    Gerade vor Kurzem brach in Japan ein Vulkan aus.
    Also wenn DA die 'pöhsen Nahzies' nicht auch ihre
    Finger im Spiel hatten - dann weiß ich auch nicht!

    (Gab's noch keine Entschädigungs-Forderungen deshalb?)

  7. 7

    PS.
    Wäre D A S in einem Moslemland passiert, wurden die
    reuevollen Lichterketten längst bis nach Lappland reichen! (und die Geldspenden würden Güterzüge füllen!)

  8. 8

    Die Blut-Opfertage an bestimmten Blutmond- oder Datums-Zahlen-Konstellationen bleiben wieder mal unerwähnt. 9.11. / 11.9. / 18.=3x6 / 23. / 33.
    zählt man meist noch die genaue Uhrzeit dazu, ist klar WER dahintersteckt!
    Und diese Opferrhituale werden dann noch ausgeschlachtet und als "Grund" für anhaltenden Völkermord herangelogen. Vietnamesen erkranken noch heute an den Entlaubungsmitteln, Fehlgeburten und Verkrüppelungen inbegriffen! Im Irak sterben bis heute Erwachsene und Kinder an der eingesetzten Uranmunition (Krebs, Verkrüppelungen)!
    Wenn wir mit dem Finger zeigen, dann bitte auch in die ANDERE Richtung!

  9. 9

    Filmtipp: Das Lärchenhaus

    Mit dem o.g. Datum ist jeweils auch die Quersumme des Datums mit gemeint, dahinter verstecken die auch oft ihre Untaten!

  10. 10

    @Kammerjäger: Nein, an die Japaner müssen wir keine Reparationen zahlen, denn Deutschland und Japan waren im 2. WK Verbündete!
    Deshalb mögen die USA die Japaner immer noch nicht, obwohl sie denen schon 2(!) Atombomben auf den Kopf geworfen haben (Hiroshima und Nagasaki).

  11. 11

    Neues Buch zum Thema:
    http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/kontexte-eines-verbrechens-1.18553947

  12. 12

    „So wandte sich Davutoglu in seiner Rede auch an die Abgeordneten des Bundestages und an die Bundesregierung, als er äußerte: „Wenn jemand versuchen sollte, über den angeblichen Völkermord uns Geschichtslektionen zu erteilen, lautet unsere Antwort: Wir haben mit den Armeniern und den anderen Völkern Anatoliens zusammengelebt. Wir wissen, wie wir mit ihnen zu reden und wie wir uns der Geschichte anzunähern haben.“ Man werde es nicht zulassen, so der türkische Ministerpräsident weiter, „dass Leute, die sich nicht ihrer eigenen Geschichte stellen können, uns belehren und unsere Geschichte, unsere Würde infrage stellen.““

    Ohne Kommentar