Wie der politische Infantilismus der Achtundsechziger Deutschland in den Abgrund führte


Oben: Gewalttätige Studentenproteste der 1968-Generation.


Mit Merkel feiert die totalitäre 68-er-Ideologie ihren bisher größten Sieg über Deutschland

Die 68er waren die ersten, die die verheerenden Straßenkämpfe der roten und braunen Horden während der  Weimarer Republik im friedlichen Nachkriegsdeutschland installierten. Sie waren alles andere als “antifaschistisch”. Denn die Verbrechen ihrer Väter kümmerten die 68-er nur wenig. 

Während für die Nationalsozialisten „die Judenfrage“ zum entscheidenden politische Kriterium wurde, schwiegen ihre Kinder der 68-er-Bewegung weitgehend zum Holocaust. Die Beschäftigung mit der Vernichtung des europäischen Judentums wurde von Rudi Dutschke und seinen Genossen sogar als “nebensächlich” und “dem revolutionären Kampf schädlich” abgetan. 

Die Wohlstandskinder Deutschlands hatten in den späten sechziger Jahren eine ganz andere, eine geradezu wahnhafte Idee: Sie wollten nichts weniger als die Welt erlösen.

Zerschlagung der alten Gesellschaftsstrukturen, die sog. “Friedensbewegung” und die Gründung der Ökopartei die Grünen waren Ausdruck dieses Wahns, der in der gegenwärtigen Massenaufnahme von Millionen Asylanten seinen bislang wahnhaftesten und selbstzerstörerischsten Ausdruck findet.

Wer die 68er-Bewegung – die in Wahrheit eine Bewegung eine politische Erlösung-Ideologie war und ist – nicht kennt, kann die gegenwärtige Politik Merkels auch nicht ansatzweise verstehen.

Der vorliegende, herausfordernde Text des deutschen Politologen ist eine tiefschürfende und gleichzeitig brillante Analyse der Wurzeln einer politischen Bewegung, die Deutschland mehr verändert hat als alle Kriege und Katastrophen der Vergangenheit. Nicht zum Guten: Denn die Enkelgeneration der 68er sind dabei, Deutschland als historisches und ethnisch geschlossenes Gebilde zu zertrümmern. 


Obwohl mir klar ist, dass der vorliegende Aufsatz nur von wenigen meiner Leser komplett gelesen wird, habe ich ihn bewusst veröffentlicht. Denn ich bin mir sicher, dass er dazu beitragen wird, den wahren, den totalitären und destruktiven Charakter der 68er ins Bewusstsein des einen oder anderen meiner Leser zu bringen. 

Michael Mannheimer, 15.4.2016

(Ich habe den Text mit Zwischenüberschriften versehen) 

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Dr. Michael Ley

Politischer Infantilismus: Die Achtundsechziger

Alexander Mitscherlich schrieb vor über fünfzig Jahren ein populäres Buch mit dem Titel Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Der Autor stellte darin die These auf, dass in der okzidentalen Moderne eine Kulturpathologie entstand, die traditionelle Gesellschaften nicht kannten: der emotional und psychisch obdachlose Mensch. Nach den Katastrophen des Totalitarismus bzw. der politischen Religionen des Kommunismus, des Faschismus und des Nationalsozialismus wurde in der Generation der um die Jahrhundertwende geborenen Intellektuellen eine kritische Bilanz gezogen.

Diese desillusionierten Denker versuchten einen Ausweg zwischen dem tristen Milieu moderner Massengesellschaften und dem Wahn regressiver Heilserwartungen zu finden. Ein Vordenker dieser Forschung war David Riesman, der 1950 gleichsam über Nacht mit seinem Buch The Lonely Crowd berühmt wurde.

In dieser Schrift charakterisiert er einen neuen Sozialtypus, den er als außengeleiteten Menschen charakterisiert. Anknüpfend an Max Webers Untersuchungen zum traditions- bzw. innengeleiteten Menschen, die dieser als Repräsentanten der Vormoderne und der jüdisch-protestantischen Moderne kennzeichnete, sah er hellsichtig den außengeleiteten modernen Massenmenschen, der seine Identität nicht mehr aus einer ethisch-religiösen Sozialisation bezieht, sondern sich ausschließlich an die Normen einer Konsumgesellschaft anpasst.

Mitscherlich und die “vaterlose Gesellschaft”

Mitscherlichs psychoanalytischer Ansatz zur Pathologie moderner Identitätsstrukturen sieht die Probleme der modernen Menschen sowohl in einer Veränderung der modernen Gesellschaften als auch in den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. In Anknüpfung an Riesmanns Theorie begreift Mitscherlich den modernen Menschen des 20. Jahrhunderts als „klassenloses Massenindividuum“, als konformistisches Wesen eines neuen demokratischen Kollektivismus.[1]

Der „außengeleitete Mensch“ lebt nicht mehr in einer Tradition, die ihm Orientierung und inneren Halt vermittelt, sondern er passt sich seiner unmittelbaren Umwelt, seinen Altersgenossen und dem herrschenden Zeitgeist an. Mitscherlichs Analyse des modernen Individuums ist soziologisch, sozialpsychologisch und psychoanalytisch begründet: In erster Linie sieht er den Verlust bzw. Rückgang der väterlichen Autorität in den Veränderungen der Arbeits- und Lebensverhältnisse moderner Massengesellschaften. Während in agrarisch und handwerklich dominierten Gesellschaften die Trennung von Lebens- und Arbeitswelten noch selten war, verändert die Industrialisierung die Struktur der Gesellschaften.

Die Väter gehen nun mehrheitlich einer abhängigen Lohnarbeit nach und spielen in der Sozialisation der Kinder nur noch eine untergeordnete Rolle. Mitscherlich sieht in dieser Veränderung die Ursache, dass keine „verlässliche Tradition“ durch die väterliche Unterweisung mehr entsteht und die Söhne sich anderweitig orientieren. An die Stelle der Väter tritt zunehmend die peer group, die den neuen Typus des „Gruppenmenschen“ erzeugt.

Da jedoch die Väter eine unverzichtbare Rolle für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung spielen, sind die Folgen der „Vaterlosigkeit“ von weitreichender Bedeutung:

„Die These in all unseren Ideen zur Sozialpsychologie ist, dass die Gesellschaft sich selbst erziehen muss, alle Interessen, die mit diesem Erziehungsziel konkurrieren, ihm unterzuordnen. Das ist gewiss keine kleine Aufgabe, jedoch ist an sie die Frage des Überlebens der spezifisch humanen Lebensordnung in den Räumen der vaterlosen Gesellschaft geknüpft.“[2]

Nur in der erfolgreichen ödipalen Auseinandersetzung mit der väterlichen Imago gelingt die Verinnerlichung eines ethischen Ideals und damit die Reifung eines starken Ichs. Dieser Prozess ist die unabdingbare Voraussetzung für eine autonome Persönlichkeit, die im späteren Leben familiäre, soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen kann.

Misslingt diese psychische Entwicklung, weil die Väter abwesend oder schwache Persönlichkeiten sind, dann wächst das Kind zum „herrenlosen Erwachsenen“ heran:

„Es übt anonyme Funktionen aus und wird von anonymen Funktionen gesteuert. Was es sinnfällig erlebt, sind seinesgleichen in unabsehbarer Vielzahl.“[3]

Diese psychische Entwicklungsstörung markiert die Geburtsstunde der modernen Massengesellschaften, die vaterlosen Individuen suchen ihr Leben lang nach einer Befriedigung ihrer narzisstischen Kränkung.

Diese Menschen sind nur bedingt in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen:

„Das aber, was gerade dem modernen Menschen so schwer wird und der jungen Generation am schwersten, ist: einem solchen Alltag gewachsen zu sein. Alles Jagen nach dem ´Erlebnis´ stammt aus dieser Schwäche. Denn Schwäche ist es: dem Schicksal der Zeit nicht mehr in sein ernstes Antlitz blicken zu können. Schicksal unserer Kultur aber ist, dass wir uns dessen wieder deutlicher bewusst werden, nachdem durch ein Jahrtausend die angeblich oder vermeintlich ausschließliche Orientierung an dem großartigen Pathos der christlichen Ethik die Augen dafür geblendet hatte.“[4]

Max Webers Analyse kann als religionssoziologische Ergänzung zu Mitscherlichs Pathologie des modernen Menschen gelesen werden. Die Individuen der europäischen Moderne sind demnach nicht nur zunehmend vaterlos, sondern auch gottlos, sie leben ohne realen und transzendenten Schutz. Diese Defizite sollten für die weitere Entwicklung der europäischen Moderne katastrophale Folgen haben.

Wenn einer Gesellschaft die Väter abhandenkommen, dann entsteht im Prinzip eine Geschwistergesellschaft, ein Heer von rivalisierenden, verantwortungslosen und neidischen Geschwistern. Sie sind nicht mehr durch den ödipalen Konflikt mit dem Vater um Macht und Freiheit gekennzeichnet, sondern durch Neidverhalten im ständigen Kampf um persönliche Vorteile. Dieser Sozialtypus kennt die klassische Verantwortungsethik kaum noch: „Es entsteht ein Ordnungsdefizit im Sinne einer Orientierungsschwäche, die zur Regression in sehr archaische Erfahrungen der Befriedigung zurücktreibt.“[5]

Die emotionale Verarmung des modernen Massenmenschen erzeugt einerseits das Gefühl der Ohnmacht und als dialektisches Pendant andererseits das Bedürfnis nach Allmacht. Ihre Illusionen und Machtphantasien konnten die narzisstisch gekränkten Menschen jedoch in den Massenbewegungen des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts ausleben.

Im 20. Jahrhundert nehmen Ideologien zunehmend die Rolle von Religionen ein

Das 20. Jahrhundert kann auch als das Zeitalter der Gesinnungsethik bezeichnet werden, in dem die Ideologien immer mehr an die Stelle der traditionellen Religionen treten. Der Verlust der religiösen Bindungen führt nicht zwingend zu rational handelnden Individuen, die mittels der eigenen Urteilskraft verantwortungsethisch handeln. Die fromme Hoffnung der Aufklärer auf Rationalität und wissenschaftlichen Diskurs anstelle eines religiösen Obskurantismus erwies sich als trügerisch, das durch den neuzeitlichen Gottesmord entstandene Vakuum füllten – zumindest im kontinentalen Europa – nun höchst säkulare Götter aus.

Die vaterlosen Gesellschaften sollten jedoch nicht dahingehend missverstanden werden, dass die Menschen leicht zu domestizierende Untertanen sind. Ganz im Gegenteil: Die vereinsamten Massen, aber auch bürgerliche Schichten, sind Suchende nach irdischem Glück und kollektiver Verschmelzung. Da ihnen die transzendenten Verheißungen zu einer nichtssagenden Worthülse wurden, suchen sie Erlösung bei irdischen Prophetien und damit beginnt ein Zeitalter der Heilsverfallenheit.

Der Erlösungwahn der 68-er Generation

Die Wohlstandskinder Deutschlands hatten in den späten sechziger Jahren eine grandiose Idee: Sie wollten wiederum die Welt erlösen.[6] Aus der politischen Katastrophe ihrer Eltern hatten sie nichts gelernt und verfielen nochmals dem gleichen Irrsinn ihrer Väter und Mütter unter scheinbar geänderten Prämissen. Götz Aly charakterisiert den gnostischen Wahn der 68er folgendermaßen:

„Die Selbstermächtigung der Achtundsechziger zur gesellschaftlichen Avantgarde, ihr Fortschrittsglaube, ihre individuelle Veränderungswut, ihre Lust am Tabula rasa und – damit bald verbunden – an der Gewalt erweisen sich bei näherem Hinsehen als sehr deutsche Spätausläufer des Totalitarismus.“[7]

Das Absurde der 68er war ihr Kampf gegen einen Feind, der schon längst besiegt war: der Faschismus. Weshalb bekämpften die Kinder des Nationalsozialismus eine Schimäre? Oder führten sie den Kampf der Welterlösung ihrer Eltern unter geänderten Bedingungen weiter? Weshalb setzten sich die 68er nicht mit ihrer konkreten Elterngeneration auseinander, sondern übernahmen die abstruse „Faschismusanalyse“ der Komintern,[8] die im Finanzkapitalismus den Urheber des Nationalsozialismus verortete?

Sie schwiegen zu den Verbrechen ihrer Väter, der Protest manifestierte sich gegen „das System“, eine Metapher, deren sich schon ihre nationalsozialistischen Väter des Jahres 1933 bedient hatten. Diese vaterlose Generation war fähig, eine immense Revolte zu inszenieren, aber nicht in der Lage, sich kritisch mit der Rolle ihrer Väter im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.[9] Ein erfolgreicher Individuationsprozess setzt jedoch eine Identifizierung mit den Eltern voraus, die nicht blindlings erfolgen kann, sondern einer kritischen Hinterfragung bedarf.

Bei vielen Angehörigen dieser Generation scheint eine Abspaltung der Aggressionen gegenüber den Eltern stattgefunden zu haben, die auf die „Gesellschaft“, den „Faschismus“, den „Imperialismus“ und andere Ersatzobjekte projiziert wurden. Vielleicht kann man hier in Anlehnung an die Thesen von Alexander Mitscherlich von der Unfähigkeit erwachsen zu werden sprechen.[10] Man verweigerte sich dem Realitätsprinzip im Sinne von Herbert Marcuse, des Heroen der Jugendrevolte, der eine „Kultur jenseits des Realitätsprinzips“ forderte.[11]

Die 68-er-Bewegung war (und ist) höchste autoritär

Nur entsprach die Kultur der 68er nicht dem Marcuseschen Lustprinzip und dem genüsslichen Antiautoritarismus, sondern sie war höchst totalitär – nicht nur in ihrem gesellschaftlichen und politischen Denken, sondern auch im alltäglichen Umgang. Antiautoritär waren die 68er nur im Umgang mit den Institutionen der Gesellschaft und ihren Autoritäten.

Der studentische Protest an den Hochschulen richtete sich weniger gegen nationalsozialistisch belastete Lehrer und willfährige Mitläufer, sondern vor allem gegen Liberale bis hin zu jüdischen Remigranten. Im Liberalismus sahen die jungen Rebellen – wie ihre nationalsozialistischen Väter – den größten Feind. Gerade die vertriebenen linksliberalen Remigranten, die noch das untergegangene und vernichtete deutsche Bildungsbürgertum repräsentierten, waren die auserkorenen Objekte des neudeutschen linksnationalsozialistischen Furors. Beat Wyss charakterisiert die Seelenlage der 68er zutreffend und höchst amüsant:

„Während die akademischen Heimkehrer aus dem zumeist angelsächsischem Exil eine Weltläufigkeit ausstrahlten, die dem Durchschnittsdeutschen der Nachkriegszeit fremd sein musste, hatten die Achtundsechziger nichts als die Dumpfheit der Kriegsgeneration beerben können. Mochte der bundesrepublikanische Durchschnittsbürger gehemmt gewesen sein von gefühlter Kollektivschuld, zumal es sich bei vielen zurückgekehrten Professoren um Juden handelte, lebte die Studentenbewegung ihre ideologischen Vorurteile ohne Scham aus… So gründlich hatten die Achtundsechziger den “provinziellen , deutschen Michel” verinnerlicht.“[12]

Während für die Nationalsozialisten „die Judenfrage“ zum entscheidenden politische Kriterium wurde, schwiegen ihre Kinder weitgehend zum Holocaust. Die Beschäftigung mit der Vernichtung des europäischen Judentums wurde von Rudi Dutschke und seinen Genossen als nebensächlich und dem revolutionären Kampf schädlich abgetan. Auf ein entsprechendes Ansinnen entgegnete Dutschke:

„Wenn wir das anfangen, verlieren wir unsere ganze Kraft… Man kann nicht gleichzeitig den Judenmord aufarbeiten und die Revolution machen.“[13]

Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem größten Zivilisationsbruch in der Moderne offenbart den puren Narzissmus vieler Angehöriger dieser Jugendrevolte: Dem revolutionären Gnostiker sind die realen Opfer der Geschichte gänzlich gleichgültig, sein Interesse gilt der großen Erlösung, an der er vor allem selbst teilhaben will. Der Berufserlöser muss antibürgerlich und antihuman sein, seine heroische Aufgabe verlangt von ihm die zwangsneurotische Abwehr jeglicher zwischenmenschlicher Gefühle: der selbsterwählte Erlöser imitiert immer den gewalttätigen Heiland.

Diesem Revolutionspathos ist ein extremer Autoritarismus eigen, die absolute Überzeugung von der Notwendigkeit der Revolution und der damit verbundenen Gewalt. Nur durch die Flucht in eine Surrealität konnte die absurde Wahrnehmung des realen gesellschaftlichen Kontextes geschehen. Um die totalitäre Überzeugung aufrechtzuerhalten, wird ein existentiell bedrohlicher Feind imaginiert: der Faschismus.

Die prä-ödipale Regression in einen nicht-existenten Kontext war für die Protagonisten und ihre Mitläufer offenbar der Versuch, sich einer kritischen Auseinandersetzung mit der Realität des Holocaust zu entziehen. Man wollte die Geschichte wiederholen, indem man sich auf den Kampf mit dem drohenden Faschismus vorbereitete.

Ulrike Meinhof: „Der Antisemitismus war seinem Wesen nach antikapitalistisch”

Die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden zur Traumwelt der 68er Bewegung, in der sie agierte. Die Wiederkehr des Faschismus und seine erfolgreiche Niederschlagung wären die Voraussetzungen gewesen, um die nationalsozialistische Verirrung der Elterngeneration nachträglich zu korrigieren und sie damit zu rehabilitieren. Im Sinne einer manichäischen Scheinlogik unterstellte man den Eltern die hehren Absichten einer Weltrevolution, die jedoch von den Mächten der Finsternis getäuscht wurden. Ulrike Meinhofs Umdeutung des Antisemitismus weist jedenfalls in diese Richtung, als sie im Jahr 1972 sagte:

„Der Antisemitismus war seinem Wesen nach antikapitalistisch… Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging –, können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren.“[14]

Da Ulrike Meinhof den Antisemitismus ihrer Elterngeneration nicht leugnen kann, verdreht sie den Antisemitismus zu einer sozialistischen Kategorie.[15] Mit dieser Argumentation kann Meinhof der Elterngeneration unterstellen, dass sie nicht zwischen „Wesen“ und „Erscheinung“ unterscheiden konnte: Die Eltern hätten offensichtlich den nationalsozialistischen Antisemitismus als sozialistischen Antikapitalismus missverstanden und sich deshalb für den Faschismus begeistert. Die Protagonisten der 68er Bewegung wollten diesen historischen Irrtum ihrer Eltern berichtigen, indem sie den Faschismus gleichsam in einem letzten Gefecht endgültig vernichteten.

Diese Konstruktion der schwer traumatisierten Kinder des Nationalsozialismus barg einen Irrtum: Der millionenfache Mord am europäischen Judentum konnte nicht rückgängig gemacht werden. Deshalb schwiegen die 68er zum Holocaust: Die Flut der Bücher und Publikationen der 68er über „den Faschismus“ spart das Thema Judenvernichtung weitgehend aus. Während 1968 viele Nazi-Prozesse in Deutschland geführt wurden, die eine sehr hohe mediale Resonanz erzeugten, schwiegen die Gazetten der Menschheitserlöser zu diesen Themen.

Der Antizionismus der 68-er ist in Wahrheit die Fortsetzung des nationalsozialistischen Antisemitismus

Auffallend ist darüber hinaus, wie schnell sich der Antizionismus unter den jungen Rebellen verbreitete und wie problemlos die „wahren faschistischen Mächte“ identifiziert wurden: die USA und Israel. In den Augen ihrer Elterngeneration waren die Vereinigten Staaten die Büttel des internationalen Judentums, nun wurde Israel zur Speerspitze des amerikanischen Imperialismus und Faschismus erklärt.

Der Antiamerikanismus war beiden Generationen eigen, wenn man von einer kurzen Zeit der Begeisterung der deutschen Jugend für John F. Kennedy absieht. Die Forcierung des Vietnam-Kriegs unter dem Präsidenten Lyndon B. Johnson brachte die amerikanische Jugend auf die Straße. In ihrem Gefolge entstand in Deutschland die Begeisterung für die vietnamesischen Kommunisten und den USA schlug ein blanker Hass entgegen.

Die Kritik an der amerikanischen Kriegsführung zeitigte absurde Vergleiche zwischen den Nazis und den „amerikanischen SS-Männern“ in Vietnam.[16] Die Nazifizierung der USA durch die Studentenbewegung war der Versuch, die eigene nationale Vergangenheit zu relativieren bzw. zu entsorgen. Eine kritische Beschäftigung mit der amerikanischen Indochina-Politik fand jedoch nicht statt, stattdessen wurden die USA als faschistisches Monster dämonisiert.

Die Studenten solidarisierten sich mit dem totalitären Nordvietnam und feierten dessen kommunistischen Führer Ho-Chi-Minh frenetisch: Sein Bildnis wurde – neben den Säulenheiligen Marx und Engels – auf jeder Demonstration wie eine religiöse Ikone durch die Städte Westdeutschlands getragen. In diesen Prozessionen zeigte sich nicht nur die Nähe zur katholischen Heiligenverehrung, sondern auch der Charakter einer politischen Religion.

Am Rande darf eine Anekdote über den Hohepriesters der APO – der Außerparlamentarischen Opposition – kurz erwähnt werden: Am 24. Dezember 1967 versuchte sich Rudi Dutschke als christlicher Seelsorger, als er während des Weihnachtsgottesdienstes von der Kanzel eine Predigt über den Vietnam-Krieg halten wollte. Er wurde jedoch auf recht unchristliche Weise von einem Gottesdienstbesucher niedergeschlagen.

1967 entstand der populäre Slogan „USA-SA-SS“, nachdem die Amerikaner im vietnamesischen My Lai ein Massaker verübt hatten, dem über fünfhundert Menschen zum Opfer gefallen waren. Mit den unentschuldbaren Fehlern und völkerrechtlichen Verbrechen der amerikanischen Kriegsführung fiel die letzte Tabugrenze: Die Verbrechen der Nationalsozialisten wurden schamlos relativiert und die USA als die wahren Nachfolger des Nationalsozialismus denunziert. Damit entfiel die Auseinandersetzung mit der eigenen nationalen Geschichte, weil nun der „neue Faschismus“ den Weltfrieden bedrohte.

Spätestens seit dem Sechstage-Krieg 1967 zwischen Israel und den arabischen Staaten schwenkten die 68er auf die Seite der Palästinenser um. Die Tatsache, dass die Araber und Palästinenser eine zwei Staaten-Lösung für Palästina strikt ablehnten und die Vernichtung Israels auf ihre Fahnen geschrieben hatten, störte die jungen Revolutionäre keinesfalls.

Diese Haltung gegenüber Israel übernahmen die Araber von dem nationalsozialistischen Judenhasser, dem Führer der Muslimbruderschaft und Großmufti von Jerusalem Amin el-Husseini. Er zettelte schon 1929 in Jerusalem ein Pogrom an, dem viele einheimische palästinensische Juden zum Opfer fielen.

Nach 1933 suchte er den Kontakt mit den Nationalsozialisten, die ihn im Kampf gegen die Briten als Bündnispartner akzeptierten. 1941 empfing Hitler el-Husseini, wobei er ihn in die Pläne für die Vernichtung der Juden im arabischen Raum einweihte und der Großmufti seine tatkräftige Unterstützung zusagte. Über einen deutschen Rundfunksender konnte er regelmäßig seine antisemitische Hetze in arabischer Sprache in die Welt des Nahen Ostens verkünden.

Er besuchte inkognito mit Adolf Eichmann das Konzentrationslager Auschwitz, wo er sich selbst von der Vernichtung der Juden überzeugte. Darüber hinaus stellte er mit Zustimmung Hitlers am Balkan muslimische SS-Einheiten auf, für deren polit-religiöse Indoktrination in Sachsen ein „Imamen-Institut“ für die Ausbildung muslimischer Geistlicher eingerichtet wurde. El-Husseini sah in Jassir Arafat, einem entfernten Verwandten, seinen Nachfolger.

Die Solidarisierung der 68er mit den Befreiungsbewegungen der arabischen Welt, die durchwegs Anhänger und Kollaborateure der Nazis waren, und die Verurteilung der westlichen Demokratien zeigte, dass sie den gleichen totalitären Weg eingeschlagen hatten wie die jungen Nationalsozialisten. Hier schließt sich der Kreis zwischen dem mörderischen nationalsozialistischen und arabischen Judenhass mit dem „emanzipierten Antizionismus“ der 68er.

Der Erlösungswahn der 68-er

Die 68er träumten von einem Sozialismus, der die Befreiung des Menschen von Mühsal, Unterdrückung und Entfremdung bringen sollte – trotz aller negativen Erfahrungen mit den realen historischen Sozialismen. Niemals wurde analysiert, weshalb alle utopischen Ansätze zur Realisierung eines Sozialismus in den grauen Alltag totalitärer Herrschaft abglitten.

Die naheliegende Frage, ob nicht die Struktur der gnostischen Erlösungsidee notwendigerweise die totale Herrschaft über Menschen beinhalte, wurde niemals auch nur ansatzweise thematisiert. Der kausale Zusammenhang von politischer Religion und absoluter Herrschaft war völlig tabuisiert, das triste Milieu des realen Sozialismus wurde mit fadenscheinigen Begründungen rationalisiert.

Rudi Dutschke faselte in einem Interview mit der Zeitschrift konkret im Jahr 1968 davon, dass in den kommunistischen Ländern eine Konterrevolution durch die autoritären Parteien stattgefunden habe, in dem sie das revolutionäre Konzept, dass „die Erzieher erzogen werden müssen“, verraten hätten. Von dieser Kritik sparte er explizit Kuba und China aus, obwohl die chinesische Kulturrevolution nicht nur exorbitant viele Menschen, sondern auch unschätzbare Kulturgüter vernichtet hatte.[17]

Dutschke und seine Priester-Avantgarde träumten von der revolutionären Machtergreifung in Westdeutschland, die alles andere als friedlich verlaufen wäre. Ganz im Sinne der religiösen Eschatologie erwartete er einen „blutigen Endkampf“, der furchtbar sein würde. Hier zeigen sich wieder die Gewaltphantasien aller radikal-religiösen Menschheitserlöser: Sie sind fasziniert vom Blutopfer, vom biblischen Armageddon – vom letzten apokalyptischen Kampf, der gleichzeitig das Weltgericht und die Erlösung der Auserwählten ist. Doch es gibt auch den rationalen totalitären Dutschke, der sich einer durchaus modernen Machtstrategie nicht verschließt: dem Gang durch die Institutionen. Es war ihm offenbar bewusst, dass eine Gesellschaftsveränderung mitunter nur langfristig möglich ist.

Antonio Gramsci entwickelte in den 1920er Jahren eine marxistische Theorie des facettenreichen Verhältnisses von politischer Macht und kultureller Hegemonie. Mit Hegemonie wird ein Typus von Herrschaft verstanden, der im Wesentlichen auf der Fähigkeit basiert, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen. Die Orte der Auseinandersetzungen um die Hegemonie bezeichnete Gramsci als Zivilgesellschaft.

Er ging davon aus, dass die kulturelle Hegemonie einer Partei oder politischen Bewegung die Voraussetzung für politische Herrschaft in modernen Gesellschaften ist. Die ideologischen Vorstellungen einer politischen Gruppe können sich nach Gramsci politisch erst dann durchsetzen, wenn sie zum kulturellen Mainstream, einem Bestandteil der Alltagskultur geworden sind.

Die 68-er und ihr Vorzeigekünstler: Der Hitlerjunge Joseph Beuys

Dem Gang durch die Institutionen und der nachhaltigen Ideologisierung relevanter Teile der jüngeren Generation war ein großartiger Erfolg beschieden. Aus der radikalen Sektenkultur des harten Kerns der 68er entwickelte sich eine sozial verträgliche Utopie: Der Sozialismus mutierte zur multikulturellen Gesellschaft, aus den gewaltbereiten Volksbefreiern und Stadtguerilleros wurden Friedenskämpfer und ökologische Gutmenschen.

In Joseph Beuys fanden die 68er einen kongenialen Künstler, der politische und ästhetische Idiosynkrasien in die Museen brachte und sie damit gesellschaftsfähig machte. Die Vita von Beuys kann als eine Doppel-Biographie sowohl eines Vertreters der jungen Nazigeneration als auch der 68er gelesen werden:

„Beuys gelingt die habituelle Verschmelzung von völkischem Wandervogel und Achtundsechziger Rebell.“[18]

Anders ausgedrückt: Der Hitlerjunge Beuys stieg 1933 in einen Zug, indem er einfach sitzen blieb, bis 1968 die Geleise erneuert wurden und die Fahrt weiterging. Jetzt war Beuys kein kleiner Pimpf mehr, sondern Zugführer. Beuys wuchs in den Jugendorganisationen des Nationalsozialismus im antiautoritären Widerstand gegen die liberalen und religiösen Werte und deren Protagonisten auf. Nach seinem eigenen Bekunden fühlte sich Beuys von den Nationalsozialisten keineswegs manipuliert, sondern genoss den Antiautoritarismus der Jugend im nationalsozialistischen Totalitarismus.

Mit den 68ern durfte er nochmals seine antibürgerliche Revolte wiederholen und von einer romantischen Gesellschaftsveränderung träumen. Die Wandlung vom strammen Hitlerjungen zum Anhänger von Rudolf Steiners Anthroposophie wurde auch von vielen Anhänger der 68er Bewegung vollzogen. Der esoterische Irrationalismus einer Helena Pedrovna Blavatski, der Begründerin der Theosophie, bot weitaus mehr individuelle Entfaltungsmöglichkeiten als die kruden Marxismen.

In Beuys hatten die 68er einen Mitstreiter gefunden, der den esoterischen Bedürfnissen der ehemaligen Rebellen entsprach. Der Schamane mit seinen friedlichen ökologischen und pazifistischen Heilsversprechungen traf den postrevolutionären Geist mittlerweile mehr als der asketische Berufspriester, der jeden Müßiggang als Rückfall in die Konterrevolution geißelte. Zwar ließe sich in Beuys Leben und Werk manch brauner Fleck wiederentdecken, doch fortan orientierte er sich an den gesellschaftlichen Vorstellungen Rudolf Steiners. Weder die Linken noch das geschätzte bürgerliche Publikum scherten sich jedoch um solche Banalitäten.

Beuys erfand den Begriff der Sozialen Skulptur: „eine Gesellschaftsordnung wie eine Plastik formen, das ist meine und die Aufgabe der Kunst.“[19] Der Kern dieser Idee bestand in der Vorstellung, dass der „Mensch“ mit den Mitteln der „Kunst“ zu ändern sei, womit er eine Gegenposition zu den in den 1960er Jahren propagierten Mitteln des „Klassenkampfes“ bezog. Die Kunst habe die Aufgabe, sich mit den großen Menschheitsfragen auseinanderzusetzen. Mit dieser Idee kehrte er zu Richards Wagners Vorstellung eines Gesamtkunstwerks zurück: Kunst als gesellschaftliche Religion. Hier findet sich die bekannte Hybris vom Künstler als Demiurgen wieder. In etlichen öffentlichen Kunstaktionen inszenierte sich Beuys als Christus: als Erlöser.

Die latente Bildungsfeindlichkeit der 68-er zeigt ihre Spuren bis heute

Die Rebellion der 68er löste sich jedoch nicht in ein idyllisches anthroposophisches Biotop auf, sondern veränderte die deutsche Gesellschaft und Politik mit bedenklichen Konsequenzen. In der Bildungspolitik verhinderten die 68er die zaghaft begonnene Liberalisierung des Bildungssystems, indem sie die Geistes- und Sozialwissenschaften im Sinne Gramscis unter ihre Hegemonie brachten und in den letzten Jahrzehnten ideologisch dominierten.

Beat Wyss weist auf die Bildungsfeindlichkeit der 68er und ihre Folgen hin:

„In ihrem fundamentalistischen Hass gegen den ‚scheißliberalen Bildungsbürger‘ stießen sie, was schon gefallen war. Trotz der erklärten Aufarbeitung der Vergangenheit hatten die Achtundsechziger übersehen, dass eine tragende Säule des Bildungsbürgertums mit den Juden liquidiert worden war. Der heutige Finanzkapitalismus kommt ohne das Feigenblatt der Kultur aus.“[20]

In ihrer Wut und Agitation gegen das Bildungsbürgertum wurden die 68er letztlich zu „Frontschweinen“ eines seelenlosen Kapitalismus.

Die 68er errangen in allen kulturellen Bereichen – im Bildungswesen, im Feuilleton, in den Rundfunk- und Fernsehstationen – die Deutungshoheit. Als der Altbundeskanzler Helmut Kohl Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu einer „geistigen und moralischen Wende“ aufrief, scheiterte er kläglich. Die untergegangene bürgerliche Welt hatte keine Kraft und keine Möglichkeit mehr, in das Kulturleben der Republik einzugreifen: Ihr blieben die Stehparties und das Theaterfoyer.

Die errungene kulturelle Hegemonie schlug jedoch bald in eine entsprechende Monotonie um: Die kulturellen Folgen sind die Verhinderung von hochstehenden Eliten zugunsten eines Klientelsystems, das mehr oder weniger undurchlässig ist. Beat Wyss umschreibt die Karrieremöglichkeiten eines Eleven der Wissenschaft: „Eine Hochschulkarriere beginnt damit, der für ein Fach einschlägigen Diskurssekte beizutreten. Die Achtundsechziger haben ihre politischen Themen mit institutionellen Interessen gleichgesetzt und eine Schülergeneration herangezogen, die, wie nie zuvor, gefördert wird, wenn sie sich dem vorgesetzten Rahmen opportunistisch unterwirft.“[21]

Der gefährliche Vater wurde politisch endgültig entmachtet und die Geschwisterhorde wacht peinlich darüber, die gewonnene Macht nicht wieder zu verlieren. Die 68er gingen den Weg zur vaterlosen Gesellschaft bis zu ihrem bitteren Ende: Die Konsequenz ist eine unvorstellbare Nivellierung von Wissen, Kultur und Politik.

Die gegenwärtige Kultur ist von einem allseitigen Konformismus gekennzeichnet: Die kulturelle Hegemonie der 68er und ihrer Epigonen setzte sich bis in die hintersten Winkel der Republik durch. Fragen nach der demographischen Zukunft, der Finanzierung des Sozialstaates und des Rentensystems, des Islam und des Rechtsstaates werden systematisch ausgeblendet.

Die Eliten der Gesellschaft verhalten sich so, als würden sie sich in einem Wachtraum befinden und jegliches Erwachen aus dem formidablen Traumgehäuse verhindern. Für Sigmund Freud waren Tagträume infantile neurotische Wunschphantasien, die er als Vorstufe unbewusster hysterischer Symptome deutete: Die Wünsche und die Realität werden in ungeordneter Weise verquickt und zu einem Bündel neuer Traumrealitäten verwoben.[22]

Den Multikulturellsten geht es vor allem um Auslöschung alles Deutschen als angeblichem Hort des Bösen

Bei den überzeugten Multikulturalisten handelt es sich offensichtlich um traumatisierte Personen, die im Sinne einer Sündenbocktheorie glauben, dass die Bewältigung der totalitären Vergangenheit nur durch eine rabiate Ent-Deutschung möglich sei. Diese neurotische Fixierung auf die Vergangenheit kreiert ein Weltbild, in dem alles Fremde einen positiven Wert darstellt.

Das Eigene wird radikal abgewertet und soll letztendlich ausgelöscht werden: Aus dem neurotischen Selbsthass entsteht eine unbewusste Selbstvernichtungsphantasie. Dieser Selbsthass speist sich bei der 68er-Generation aus den Verbrechen des Nationalsozialismus – sprich: der Eltern –, aus der Verachtung der westlichen Zivilisation, die historisch als gigantischer Kolonialismus wahrgenommen wird und der Überhöhung aller außereuropäischen Kulturen. Religionspsychologisch könnte man die Idee des Multikulturalismus als Versuch einer Sühne interpretieren, als Wiedergutmachung an einem imaginierten Opfer.

In dieser quasi-religiösen Kollektivneurose nimmt der Migrant den Status des Unantastbaren ein, dessen empirische Erscheinung nicht thematisiert werden darf. Die Rollen sind eindeutig definiert: In den Migranten verdichten sich unbewusst die Opfer der deutschen bzw. der europäischen Geschichte, denen eine Gesellschaft gegenüber steht, die sich ihrer historischen Verantwortung nicht bewusst ist und im Grunde so rassistisch handelt wie die früheren Generationen. Dieses Konstrukt erfüllt die Bedingungen einer klassischen Neurose: Die ursprüngliche Traumatisierung durch die Barbareien der Altvorderen wird verdrängt und man sucht ein Objekt, dem gegenüber eine Sühneleistung – selbst um den Preis der kollektiven Existenz – erbracht wird.

Jede kritische Hinterfragung der fehlgeschlagenen Integration, sei es die Integrationswilligkeit von Migranten oder die Frage nach dem Gewaltpotential der islamischen Religion, gibt diesen sinnlosen Akt einer von niemandem eingeforderten Wiedergutmachung sofort der Lächerlichkeit preis. Deshalb reagieren die Vertreter des Multikulturalismus auf Kritik derart hysterisch: Psychoanalytisch betrachtet ist der Multikulturalismus der hilflose Versuch einer Wiedergutmachung vermeintlicher Schuld am falschen Objekt.

Die neurotische Schuld ist jedoch gepaart mit einem unbewussten Hass auf die Eltern bzw. die Gesellschaft. Auf den Kritiker des Multikulturalismus wird dieser unbewusste Hass projiziert: Man stellt ihn in die völkische bzw. nationalsozialistische Ecke: In einer neurotischen Projektion repräsentiert er den verdrängten Aggressor – den nationalsozialistischen Vater.

Dem Multikulturalismus wird somit der Status einer neuen Heilsideologie verliehen: der Verbrüderung der Vaterlosen mit den Geknechteten dieser Welt. Mitscherlich durchschaute sehr klar die Ambivalenz der vaterlosen Horde: Einerseits sah er den unbedingten Willen zur Rebellion und andererseits ihre tiefe Sehnsucht nach einer Einordnung in die Gemeinschaften Gleichgesinnter. Die vaterlosen Irrenden sind unfähig, eine autonome Persönlichkeit zu entwickeln und verbleiben ihr ganzes Leben in der Abhängigkeit ihrer romantischen und latent totalitären peer group.

Alexander Mitscherlich erwies sich im Nachhinein als kluger Analytiker der heutigen Gesellschaften. Seine längst vergessene Zeitdiagnose wurde erst Jahrzehnte nach der Niederschrift zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Am Beispiel der Generation von 1968 konnten die Regressionsmechanismen gezeigt werden, wenn die gesellschaftlichen Eliten nicht mehr einer Verantwortungsethik folgen, sondern einer Gesinnungsethik frönen. Diese Mechanismen treffen jedoch nicht nur auf die 68er zu, sondern sind mittlerweile ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, insbesondere in der Politik, der Wirtschaft und den Medien.

Eine zukunftsversprechende Perspektive für europäische Gesellschaften kann nur in der Überwindung der multikulturellen Ideologie und in der Thematisierung der verdrängten Probleme liegen. Dies würde jedoch bedeuten, dass die Europäer – insbesondere die Deutschen ihre romantischen Utopien begraben – und das Projekt einer postmodernen offenen Gesellschaft neu überdenken.


 

[1] Vgl. Mitscherlich, A., Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, München 1963, S. 188ff.

[2] Ders. S. 347f.

[3] Ders. S. 342.

[4] Weber, M., Der Beruf zur Wissenschaft, in: Soziologie, Universalgeschichtliche Analysen, Politik, Stuttgart 1973, S. 330.

[5] Mitscherlich S. 334.

[6] Damit sind natürlich nicht alle Menschen dieser Generation gemeint, sondern die politisch aktiven linken 68er.

[7] Aly, G., Unser Kampf 1968, S. 8.

[8] Auf dem VII. Weltkongress der kommunistischen Internationale (Komintern) im Dezember 1933 in Moskau hielt der Sekretär Georgi Dimitrow seine wohl bekannteste Rede mit dem Titel: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus. Hier definierte er den Faschismus als „die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“

[9] Eine Ausnahme stellt das Buch Männerphantasien von Klaus Theweleit dar.

[10] Die 68er sind die erste Generation, die im zunehmenden Alter ihre politischen gesellschaftlichen Einstellungen nicht ändert. Während sich in allen früheren Generationen im Alter ein gewisser Trend zum Konservatismus feststellen ließ, beharrt diese Generation weitgehend auf ihrem regressiven Romantizismus. Vgl. Otten, D., Die 50+ Studie, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 166ff.

[11] Vgl. Marcuse, H., Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt/Main 1970, S. 129ff. In diesem Werk finden sich die amüsantesten Ergüsse einer gnostisch-romantischen Ästhetik: „Das Streben nach dauernder Befriedigung geht nicht nur auf eine erweiterte Ordnung der libidinösen Beziehungen, sondern auf Fortdauer dieser Ordnung auf höherer Ebene. Das Lustprinzip greift auf das Bewusstsein über; der Eros definiert die Vernunft in seinem eigenem Sinne.“ Ders. S. 220.

[12] Wyss, B., Nach den großen Erzählungen, Frankfurt/Main 2009, S. 74.

[13] Vgl. Aly S. XIV.

[14] Zitiert nach ders. S. 158.

[15] Historisch gesehen trifft dies für viele linken Bewegungen zu.

[16] Vgl. Aly S. 147f.

[17] Vgl. Dutschke, R., Mein langer Marsch, Frankfurt/Main 1980, S. 140.

[18] Wyss S. 107.

[19] Zitiert nach: Oman, H., Joseph Beuys. Die Kunst auf dem Weg zum Leben. München 1998, S. 7

[20] Wyss. S. 14.

[21] Ders. S. 216.

[22] Vgl. Freud, S., Die Traumdeutung, Frankfurt/M. 1972, S. 280ff.

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